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Mythenforschung
von Ewald "Akesios" Strohmar, Sommer 2007
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Artikel zum Thema Mythologie:
Der Mythos in der Antike
Von den unzähligen Schriften aus der Antike, die Mythen überliefern, ist vieles im Lauf der Jahrhunderte verschwunden. Manche Texte sind nur in Zitaten späterer Autoren erhalten geblieben. Trotzdem ist noch ausreichend Material vorhanden, um uns ein Bild über das Verständnis der antiken Menschen von ihren Mythen machen zu können.
Wesentlich ist sicherlich bei der Weitererzählung des Mythos die Gemeinschaft stiftende Funktion, Mythen sind das kulturelle und religiöse Erbe der Hellenen.
Mythen wurden auch als Instrumente zur Verwirklichung politischer Ideen verwendet (z.B. zur Begründung des Asylrechts der Heiligtümer)
Mythos und Epos
siehe auch Homer
die Entstehung der Welt und der Götter
- Herodot meint, dass Homer und Hesiod den Göttern ihre Stammbäume, Beinamen, Funktionen und Gestalt gegeben hätten - die dichterische Mythendarstellung formt das Bild der kultisch verehrten Götter, somit kann Mythos auch nicht von Religion getrennt werden - für die Griechen sind ihre Götter stets wirkende Mächte
- griech. Mythen sind keine unveränderlichen heiligen Schriften oder "Wort Gottes"
- Mythos und Ritual sind eigenständige Gebilde, die sich zwar berühren können, aber eigenen Strukturgesetzen folgen.
- wohl aber existieren viele aitiologische Mythen, die Kult erklären:
- zB den Kult des Apollon auf Delos (siehe zB die homerische Apollonhymne, delischer Teil und die Varianten bei Kallimachos oder Ovid), auch die Details des Kultes werden nach Bedarf mythisch begründet. Wenn dann ein Tempel oder Kultbild neu errichtet oder eine kultische Handlung nicht mehr ausgeführt wird, werden auch die Mythen verändert oder nicht mehr erzählt.
- oder auch div. profanere Erklärungen, zB der Mythos von Apollon und Daphne erklärt die Entstehung des Lorbeerbaums und warum er Apollon heilig ist
- der geschichtliche Mythos
- Obwohl die Göttermythen immer mehr allegorisch gedeutet wurden, waren wenigstens die Heroenmythen für die Griechen Zeugnisse ihrer Vergangenheit
- Platon bezeichnete das Erzählen der Mythen als "Suche nach vergangenen Dingen"
- Geschichtswerke wie zB von Herodot oder Thukydides pflegten mit der mythischen Vergangenheit zu beginnen, wenn die Autoren auch im Sinne wissenschaftlicher Genauigkeit auf die Unbewiesenheit der Überlieferungen hinweisen - somit ist der Leser / Hörer aufgerufen, selbst zu entscheiden, ob er den Mythen glauben schenken will (wiederum: die griech. Mythen sind keine Dogmen).
- Mythen werden von Geschichte nur durch den Grad ihrer Verifizierbarkeit getrennt
- man bemühte sich auch um "Entschleierung" der Geschichte mit Hilfe der Vernunft - so wurde bei Herodot Europa nicht von Zeus, sondern von Piraten entführt (ausserdem stammte die Geschichte von Persern oder foinikiern…)
- Historiker wie Hekataios versuchten, die Mythen in eine genealogische Reihenfolge zu bringen.
- Das Phänomen der Stammbäume gab es schon bei Homer - jeder seiner Helden hat einen Vater, manche auch einen Sohn, und von Aineias kennt man 6 Generationen
- auch die Epiker waren nicht nur Erzähler, auch Sammler und Systematisierer der Mythen ➔ Stammbäume
- so wurde auch von den Adelsfamilien der Anspruch auf politische Macht aus den mythischen Stammbäumen abgeleitet
- die Gräber der Heroen werden ab dem 8.Jahrhundert v.Z. benannt und verehrt
- damit waren die Mythen keine bloßen "es war einmal"-Erzählungen, sondern hatten eine Beziehung zur Gegenwart
- auch die Bewegungen der dorischen, ionischen und aiolischen Völker finden ihren Niederschlag in den Mythen: die Rückkehr der Herakliden nach Attika (zB bei Apollodorus)
- Theseus, der urspr. ein Heros unter vielen war, wurde im späten 6. Jahrhundert v.Z. durch den Einsatz von Mythen als spez. athenischer Nationalheros eingesetzt, indem man ihm den Synoikismos der attischen Dörfer zuschrieb. Seine mythischen Taten wie zB der Sieg über den Minotauros, wurden in der Folge auch rationalisiert, sogar die Einführung der Demokratie wurde ihm zugeschrieben
- in der ganzen Antike galt, dass Heroenmythen Geschichte sind
Mythos in Chorlied und Tragödie
- im 5. Jahrhundert v.Z. tritt neben die epische Mythenerzählung die der attischen Tragödie
- nichtmythische Tragödien (z.B. zu den Perserkriegen) sind die Ausnahme
- Tragödien beschäftigen sich mit der Lage des Menschen in seiner Welt, aber an Hand von mythischen Stoffen, da die Götter die Lage des Menschen bestimmen
- die Aufführung von Tragödien waren nur an Festtagen des Dionysos gestattet, aber es gibt erstaunlich wenige Stücke mit dionysischen Inhalt. Dies verwunderte schon in der Antike. Eine mögliche Antwort liegt in der Natur des Dionysoskults selbst, der ein Gott des Draussen, des Anderen ist, so sind auch die Tragödien ein Heraustreten aus dem Alltag. Nach Aristoteles sind die Tragödien aus dem dionysischen Satyrspiel und dionysischen Kultliedern entstanden. Angesichts der Form der Chorlieder in der Tragödie ist aber auch eine Verbindung mit der dorischen Chorlyrik anzunehmen.
antike Mythenkritik
- Die Vorsokratiker hatten ein neues Denken über Welt und Menschen begründet - Naturphilosophie, von der Tradition gelöst. Da aber das Denken in den mythischen Vorstellungswelten verbreitet war, kam es zum Konflikt. Autoren wie Xenophanes und Herakleitos wandten sich vehement gegen die traditionellen Göttervorstellungen, denen all das untergeschoben wurde, was die Menschen ausmachte. Sie verlangten ein neue Menschen- und Götterbild.
πάντα θεοῖσ' ἀνέθηκαν Ὅμηρός θ' Ἡσίοδός τε, ὅσσα παρ' ἀνθρώποισιν ὀνείδεα καὶ ψόγος ἐστίν, κλέπτειν μοιχεύειν τε καὶ ἀλλήλους ἀπατεύειν. Alles übertragen Homeros und Hesiodos auf die Götter, was bei Menschen Schande und Tadel ist, stehlen, ehebrechen und auch einander betrügen. (VS21B11)
- Die Sophisten im 5. Jahrhundert v.Z., in einer Zeit der beginnenden Weltoffenheit durch die Entwicklung der Demokratie, des Handels mit anderen Ländern usw., hielten wenig von den traditionellen Mythen, sie sahen in ihnen die Tatsache, dass die frühen Menschen Naturmächte (Sonne, Mond,…) und später menschliche "Erfinder" von Kulturgütern (Demeter, Dionysos) vergöttlicht hätten. Sofisten selbst verfassten Mythen unter Verwendung traditioneller Erzählungen zur Erläuterung ihrer Lehren und Vermittlung ethischer Botschaften, z.B.
- Protagoras (bei Platon) erläutert an Hand des Prometheus-Themas den Unterschied zwischen Mensch und Tier und wie er die Fähigkeit zum politischen Handeln bekam (Text)
- Diese pädagogische Funktion des Mythos tritt nicht nur in den Tierfabeln des Aisopos auf, sondern auch z.B. bei Platon auf, wenn er etwa in der politeia "gesäuberte" Mythen zur Erziehung der jungen Wächter verwendet, aber die traditionellen Mythen aus Ilias und Theogonie verurteilt (wenn auch ungern, "denn wir sind uns ihres Zaubers durchaus bewusst" 607c). Künftige Mythenerzählung, wie in Hymnen und Preisliedern, soll aber überwacht werden, Platon will die Verbannung der bisherigen und Zensur der neuen Dichter.
- eine andere Möglichkeit, mit den Mythen um zu gehen, ist jene der ὑπόνοια, also die Ergründung des "tieferen Sinns", was in späthellenistischer Zeit als ἀλληγορία, "Anders-Reden", und uns als "Mythenallegorese" bekannt ist. Hier wird davon ausgegangen, dass der Dichter nicht wörtlich meint, was er sagt, sondern durch ein Bild den tieferen Sinn absichtlich verhüllt.
- naturwissenschaftliche Deutungen waren beliebt, da die Theorien der Atomisten schon bekannt waren. Theagenes aus Rhegion hatte offenbar die Götterkämpfe in Ilias 20 als Kampf der Naturkräfte Wasser und Feuer gedeutet (VS8A2 2) ), und Ferekydes, angeblich der Lehrer des Pythagoras, deutet Kronos als Chronos, die Zeit, der seiner Gattin Khthonie einen Mantel mit Erde und Ozean darauf webt und als sie ihn anzieht, wird sie zur Gaia.
- die Pythagoreer verrätseln allgemein gern, so hat Pythagoras das Meer als die Tränen des Kronos gedeutet und Empedokles in seiner Lehre von den vier Elementen diese zunächst als Götter dar gestellt (VS313))
* Platon verbindet ebenfalls gern Philosophie und Mythos, seine Mythen verwendet er, wo logisch argumentierende Aussagen nicht mehr genügen, wenn es also um die Seele nach der Trennung vom Körper geht (Platon schrieb vier eschatologische Jenseitsmythen) oder um das Werden der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Denn er trennt zwischen dem nur geistig wahrnehmbaren Welt des unveränderlichen Seins (sie kann didaktisch erfasst werden, ihr kommt Wahrheit zu) und der sinnlich wahrnehmbaren, aber veränderlichen Welt des Werdens, in der nur Wahrscheinlichkeit möglich ist, somit also Raum für "wahrscheinliche Erzählungen", also Mythen. So ein Mythos ist der vom Idealstaat Atlantis.
- Aristoteles hingegen spricht sich für die reine Logik in der Philosophie aus, für den Mythos ist nun kein Platz mehr.
* Somit beschäftigt man sich in nachplatonischer Zeit mit dem Mythos nur noch in Form von
* Historisierung
* [[autor:euhemeros|Euhemeros]] schrieb um 300 v.Z. Ἱερὰ Ἁναγραφή, das Heilige Dokument, in dem er eine Liste der Götter seit Uranos angibt: sie wären Könige gewesen, die wegen ihrer Taten später vergöttlicht wurden (wie auch die hellenistischen Herrscher seiner Zeit vergöttlicht wurden). Diese Liste habe er in einem Tempel auf einer Insel im Indischen Ozean gefunden.
* Mythographie
* grammatisch-philosophische Beschäftigung mit Mythen, in hellenistischer Zeit auch oft die romanhafte Nacherzählung oder gar Erfindung angeblich uralter Mythen (je älter der angebliche Autor, desto authentischer der Mythos)
* M. als gelehrte Zusammenfassung dichterischer Stoffe, z.B. die sog. //Bibliothek// des Apollodoros (vermutlich [[wpde>1. Jahrhundert|1. Jh. u.Z.]] unter dem Namen Apollodors von Athen, der in Alexandria wirkte, verfasst), in der die Mythen in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit Kosmo- und Theogonie, aufgeführt werden. Im Gegensatz zu den Brüdern [[wpde>Grimm]] betrieben die antiken Mythographen keine Feldforschung, obwohl sicherlich noch genügend Mythen im Volk kursiert wären, sondern durchforsteten die Bibliotheken.
- Allegorese
- konkurrierend zur Schule von Alexandria war die von Pergamon, hier lehrten Stoiker wie Krates von Mallos. Der Kosmos is nach stoischer Lehre ein logisches Gebilde und daher rational erfassber, Mythen sind aber selten logisch. Doch werden sie von der Autorität der alten Dichter gestützt - interpretiert man sie allegorisch, werden sie logisch (und beweisen zudem noch, dass die stoische Lehre schon von Homer vorweg genommen wurde)
- stoiasche Allegorese ist v.a. physikalisch: Zeus ist αἰθήρ, feurige Luft, und umfasst des Kosmos - Homer beschreibt ihn daher als Herrscher des Olymp. Hera ist ἀήρ, die "untere" Luft (durch Umstellung der Buchstaben hra auf ahr), so wird Ilias XV,18 als mythologische Beschreibung der Entstehung des Alls gedeutet (Herakleitos in seinen Homerischen Allegorien)
- auch moralische Allegorese findet man bei den Stoikern: Hera ist nicht nur physikalisch Luft, sondern auch moralisch "Nebel des Unwissens", und wenn Herakles sie verwundet (Il.V,392), so durchbricht er diesen Nebel mit seiner göttlichen Vernunft.
* die Neuplatoniker arbeiten weiter an der ontologischen und eschatologisch-mystischen Seite des Platonismus, die sinnliche Welt wird noch stärker als bei Platon entwertet und darüber ein ontologisch-theologisches System mit dem "absolut Einen" als oberster Gottheit errichtet
- Nach Saloustios Peri Theon kai Kosmou, 8 gibt es fünf Formen der Mythen:
| Theologische Mythen | beschäftigen sich mit dem Wesen der Götter |
| Körperliche Mythen | berichten über die Kräfte der Götter auf der Welt, z.B. kann Kronos als die Zeit (khronos) betrachtet werden, und die Teile der Zeit des Weltalls als seine Kinder, die vom Vater verschlungen (und) gefressen werden. |
| Seelische Mythen | erörtern die seelischen Kräfte |
| Stoffliche Mythen | sind jene, in denen körperliche Dinge als Götter betrachtet werden, zB die Sonne ist zugleich Himmelskörper und als Helios der Inbegriff der Kraft des Lebens |
| Gemischte Mythen | sind jene, die aus verschiedenen der obigen Gesichtspunkte betrachtet werden können |
neuzeitliche Mythentheorien bis zum 20. Jahrhundert
- Bis Ende des 17. Jahrhundert dominierte die allegorische Mythendeutung: hinter den M. sind andere, zB physikalische oder ethische Wahrheiten verborgen
- die Rationalisten der Aufklärung zeigten an Hand der M. die Absurdität der Religion auf
- Bernard de Fontenelle (1657-1757)
- sucht historische Erklärung: M. können nur von ihrem Ursprung her verstanden werden, aus der Psyche und den Erfahrungen der frühen Menschheit
- Fontenelle rekunstruiert eine "mentalité primitive" mit Hilfe der rezenten "Wilden" - Fabulierfreude, Übertreibung,…
- Francois Joseph Lafiteau (1670-1740), Indianermissionar, verglich die M. der Irokesen mit denen der Griechen und führte die Ähnlichkeiten auf eine gemeinsame Abstammung "von den Söhnen Noahs" zurück
- Die Allegorese kam aus der Mode, der Euhemerismus wurde populär
- Fréret ist aber eher unbekannt, seine Theorien wurden von Erwin Rohde wieder aufgebracht
- Giambattista Vico (1668-1744) sieht in den M. die erste Äußerung des von einer geoffenbarten Religion abgefallenen Menschen. Der Mensch projiziert seine eigenen Leidenschaften auf die myth. Gestalten, M. entstehen also aus der "Furcht des Menschen vor sich selber". Vico leitet dies nicht wie andere von "exotischen Wilden" ab, sondern von der Beobachtung italienischer Bauern.
- David Hume (1711-1776): der Mythos ist wichtig als Beginn von Religion, beide entstehen aus der Angst der Menschen vor einer unheimlichen Umwelt.
- Begründer der neuzt. M.forschung: Christian Gottlob Heyne (1729-1812).
- Knüpft an Hume an.
- Für ihn gehört der M. in die Frühzeit ("Kindheit") der Menschheit ➔ Vergleich mit den zeitgenössischen "Wilden" ➔ Ethnologie
- Entstehung aus Notwendigkeit: Naturerklärung, geschichtliche Erinnerung
- Kulturstand bedingt plakative Sprache
- Mythos an religiöse Entwicklung des Menschen gebunden: Wechselwirkung Mythos - Ritus
- Verehrung von Bäumen, Steinen usw ➔ Fetischismus
- nationale Unterschiede, weil andere Umwelt
- griech. M. nicht in urspr. Form erhalten, sondern als historisches Konglomerat
- Joh. Gottfried Herder (1744-1803)
- Mythen an bestimmte Völker gebunden
- "sympathetische" Auslegung der M.: sie sind von der Umwelt stimulierte Reaktionen des menschlichen Geistes,nicht Allegorie, sondern Symbol
- Karl Philipp Moritz (1756-1793) sah M. als "Art der Dichtung, Art der Kunst", als zwingende Antwort der menschl. Vorstellungskraft auf die "Macht, die die Welt produziert" - keine Rede mehr von Angst oder Staunen wie bei Heyne. Allegorese wäre in dieser Definition nicht möglich, denn sie würde das "zarte Gewebe der Fantasie" zerstören. Das Bizarre im Mythos wäre Schuld der Interpreten und nicht der M. selbst
- langsam emanzipiert sich der Mythos von der historischen Religion zu einer allgemeineren Religiosität ➔ Beginn der Romantik
- die Heidelberger Romantiker (August Wilhelm und Friedrich Schlegel) wollen eigene Mythen schaffen
- die M. werden als eine Art symbolischer Sprache gesehen
- neben den griech. und german. werden immer mehr auch die indischen M. interessant (und führten zu eigenartigen Schlüssen aus den fremdartigen Symbolismen, zB indische "Missionare" hätten die Völker Europas die Religion gelehrt - F. Creuzer) - die Indogermanistik entstand
- Der wohl bedeutendste Mythologe des 19. Jahrhunderts war Karl Otfried Müller (1797-1840)
- auch für ihn war M. notwendiger Ausdruck einer frühen "kindlichen" Menschheit, aber nicht abwertend gesehen
- Dichtung folgt dem M., Homer baut auf einer langen M.-Erzähltradition auf
- Mythos ist interpretierbar ("wissenschaftl. Mythologie"), Interpretation ist das Verständnis des Anlasses, dieser liegt sowohl im Idealen (menschl. Vorstellungskraft) als auch im Realen (fys. und histor. Umwelt)
- M. können histor. Gegebenheiten nachbilden, aber in jeweils spezifischer Form und Inhalt
- die urspr. Ackerbauern brachten den M. von der Erdmutter Demeter und ihrer Tochter Kore hervor, die feudale, homerische Welt die olympische "Adelsfamilie" um den König Zeus
- lokale polit. Gegebenheiten zeigen sich darin, dass jeder Ort seine eig. M. hat, ihre Vereinheitlichung bildet die polit. Änderungen hin zur "hellenischen Nation" ab (hier dringt der Gedanke der Vereinheitlichung der deutschen Kleinstaaten durch)
- Joh. Wilh. Emanuel Mannhardt (1831-1880) sah im "einfachen Volk" die Quelle der M., er erklärte die griech. Rituale aus den Bauernbräuchen Nordeuropas, und sah den Urspung der griech. Religion in der Ackerbaukultur. Ritus und Mythos gehören für ihn zusammen
- Der Begründer der dt. Religionswissenschaft, Hermann Usener (1834-1905), kam unabhängig von Mannhardt auf die selbe Erkenntnis: für ihn spiegeln Mythen und Riten den Jahresablauf der Bauern wider. Die große Bedeutung von Licht und Sonne in den M. stammen aus diesem naturmythologischen Erbe.
- In England wurde durch die Kolonialisierung und die Evolutionstheorie die Ethnologie wieder belebt, die mythischen survivals wurden zB von Edward Burnett Tylor (1832-1917) besprochen
- der Evolutionismus wurde zB verwendet, um "primitives" Denken aufzuzeigen, etwa im Totemismus (Andrew Lang)
- James George Frazer (1854-1941) entwickelte dagegen ein dreistufiges Evolutionsmodell menschlicher Naturerklärung.
- der Mythos gibt bei ihm Einblick in eine Frühstufe menschlichen Denkens
- von der magischen Frühzeit steigt der Mensch in die religiöse und schließlich die wissenschaftliche Epoche auf
- Frazer beschäftigt sich besonders mit der magischen Ära, einer Zeit der falschen Naturerklärung, die auf einem falschen Kausalitätsverständnis beruht: der Mensch glaubt, durch magische Einwirkung auf die Naturkräfte sein Leben zu verbessern
- der religiöse Mensch hingegen unterwirft sich den transzendenten Gottheiten
- da die frühen Menschen Ackerbauern waren, dreht sich bei ihnen alles um Fruchtbarkeit (von Boden, Tier und Mensch), alle Riten und Mythen beziehen sich darauf
- als survivals existieren sie in der religiösen und sogar wissenschaftlichen Zeit weiter
- Frazers Hauptwerk, The Golden Bough, besticht nicht durch seine Systematik, sondern durch die Fülle des verarbeiteten Materials aus vielen Kulturen - in der 3. Auflage 12 Bände
- Frazer gehörte wie Jane Ellen Harrison zum "Cambridger Kreis", der stark die historisierende Reduktion der Mythen favorisierte. zB wurde der Mythos vom Trojanischen Pferd erklärt, dass ein Erdbeben Trojas Mauern zerstört habe ➔ Poseidon ist Herr der Erdbeben, das Pferd ist sein Tier. Aber: Pferde werden auch Athene zugeordnet, Poseidon ist auch für Anderes "zuständig", und warum hätte man die Geschichte so fantastisch beschreiben sollen?
- Martin Peer Nilsson (1874-1967), ein Schüler Useners, übernahm von Frazer die Abstammung der griechischen Mythen und Riten aus der ackerbäuerlichen Gesellschaft, durch seine Geschichte der griech. Religion wurde sie lange Zeit gelehrt.
- der Grund für die Vorliebe für diese Theorie scheint zu sein, dass in einem zunehmend verstädterten Europa eine gewisse Idealisierung des naturnahen, bäuerlichen Lebens einher ging - dabei ist der Ackerbau in der Menschheitsgeschichte relativ "jung", erst seit dem 8. Jahrtausend nachzuweisen, davor war eine lange Periode des Jagens und Sammelns, die ja im Mythos und Ritual auch nachzuweisen sein müsste - was dann Karl Meuli und Walter Burkert auch taten
- Zusammengefasst: es gibt zwei Hauptströmungen am Ende des 19. Jahrhunderts, die Erklärungen aus bäuerlicher Naturmythologie und die Reduktion aus historische Ereignisse - beides Ansätze, die den Mythos aus der Frühzeit des Menschen heraus interpretieren, Erklärungen für die besondere Form des M. gibt es kaum
- die eher unbeachtete Theorie von Friedrich W.J. Schelling (1775-1854): in seiner Philosophie der Mythologie ist der Mythos
- unwillkürliche Ausdruckform des Menschen, der Ideales und Reales nicht (mehr) vereinen kann
- symbolischer Ausdruck für die Ahnung des Idealen und notwendige Form, in der sich der Mensch das Göttliche denkt
- seine Gedanken werden erst im 20.Jh zB von Walter F. Otto (1874-1958) wieder aufgegriffen, für den der Mythos eine jener Formen ist, in denen das Göttliche sich offenbart (und das Ritual setzt es in Szene)
- Karl Kerényi (1897-1973) sieht im Mythos die in Ausdrucksformen des Göttlichen aufgegangene Welt
Die Mythendeutung im 20. Jahrhundert
Mythos und Tiefenpsychologie:
- Sigmund Freud (1856-1939) sieht in Traumdeutung eine Verwandtschaft von Mythen und Träumen - individuell-psychisches nimmt hier dramatische Gestalt an. Später, Totem und Tabu interpretiert er sie als "verzerrte Wunschträume ganzer Nationen, uralte Träume der jungen Menschheit"
- Freud entwickelte aber keine zusammen hängende Mythentheorie, sein Schüler Karl Abraham (1877-1925) schrieb jedoch Traum und Mythus, wo er Mythen als "Bruchstücke des kindlichen Seelenlebens der Nation" betrachtet, sie enthielten "Wünsche aus der Kindheit der Menschen"
- Kritik: die Frühzeit des Menschen kann nicht mit der Geistigkeit der Kindheit gleich gesetzt werden; das individuelle Seelenleben kann nicht auf Kollektive übertragen werden; Mythen können nicht nur intuitiv aus Individualsicht, ohne Rücksicht auf die Kultur, gesehen werden, usw
- Carl Gustav Jung (1875-1961), entfernte sich von seinem Lehrer Freud und entwickelte die Archetypenlehre: in Mythen, Märchen und Träumen finden sich grundlegende Bilder und Symbole, weil die menschl. Seele bestimmte ererbte, archaische Motive darstellen will ➔ die Fähigkeit zur Mythenbildung ist nicht nur in der "Frühzeit" möglich, sondern steckt in jedem von uns (Folgerung: Archetypen müssen genetisch tradiert werden, was aber noch unbewiesen ist)
Mythos und Gesellschaft
- Mythen können gesellschaftliche Einrichtungen erklären - im Cambridger Kreis entsteht die Theorie, dass M. zur Erklärung unverstandener Riten benutzt werden können
- Sir James Frazer sah die rituelle Praxis als Ausgangspunkt für Mythen, und Jane Ellen Harrison (1850-1928) entstehen M. grundsätzlich aus Riten, in Themis sieht sie M. als Darstellung kollektiven (Initiations-)Rituals.
- Émile Durkheim (1858-1917), der "Vater" der französischen Soziologie meint, dass Mythen (als Teil der Religion) die gesellsch. Tatsachen und Institutionen, wie sie in Riten dramatisiert werden, abbilden.
- Da es aber Mythen ohne Riten und umgekehrt gibt, konnte diese strenge Form der Theorie nicht beibehalten werden
- Bronislaw Malinowski (1884-1942) versteht M. als verbindliche Begründungen sozial wichtiger Dinge
- Georges Dumézil, der Begründer der "Neuen vergleichenden Mythologie" sieht in den griech. (und anderen europ.) Mythen Zeugen, um verlorene indoeurop. Institutionen und Mythen zu rekonstruieren. Er vertritt die Theorie, dass sich die Institutionen der frühen ie. Völker auf 3 Klassen verteilen lassen: Könige/Priester, Krieger und Bauern/Handwerker. Bei den Griechen findet er aber kaum Belege dafür.
Strukturen des Mythos
- Die strukturalistische Mythenanalyse geht zurück auf Claude Lévi-Strauss (*1908).
- M. sind für ihn eine Art Kommunikation, er versucht sie mit Hilfe der strukturalistischen Sprachanalyse zu verstehen. Wie sich Spache aus versch. Lautzeichen, Phonemen, zusammen setzt, so auch die M. aus "Mythemen".
- die Struktur des M. zeigt verschiedene Ebenen mit der selben Botschaft, seine Bedeutung darf nur innerhalb dieser Struktur gesucht werden.
- die Struktur der M. reflektiert die Struktur des Denkens
- die Gruppe um Jean Pierre Vernant erforscht die "impliziten Kategorien der griech. Welt- und Selbstauffassung", also jenen Symbolen, mit denen die Griechen die Welt verstehbar machen
- Walter Burkert skizziert verschiedene Erzähltypen innerhalb der griech. Mythologie und zerlegt sie in Morpheme
Mythos und Ritual
- die generelle Herleitung aller Mythen aus Riten ist unmöglich, wohl aber funktioniert dies für einzelne Mythengruppen, v.a. die Initiationsmythen (Beispiel: Theseus und der Minotauros)
- Burkert versteht die Erzähltypen als Handlungsprogramme, die biologisch oder kulturell Elementarem entsprechen, gleichzeitig strukturieren sie auch das Ritual - darum lassen sich Mythos und Ritus verbinden, existieren aber auch getrennt
Quellen
- Fritz Graf, Griechische Mythologie - Eine Einführung
- VS… = Diehls/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker
© 2007 Ewald K Strohmar, Veröffentlichung nur mit Genehmigung des Autors




