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Wichtige Aspekte der Lehre
Abstract
Die Lehren des Hellenismos beziehen sich auf die Ordnung des Kosmos und aller Kräfte, die in ihm wirken. Daraus entsteht für die Menschen die Verpflichtung, entsprechend zu denken und zu handeln, mit allem Leben eine vernünftige, respektvolle Beziehung zu pflegen und das rechte Maß zu halten.
die Welt
Wir betrachten die Welt (κόσμος) als aus sich selbst heraus entstandene Einheit von allem, was ist.
Das Wort κόσμος hat primär Aspekte der Ordnung (κοσμέω, ordnen, einrichten) und erst in zweiter Linie die heutige Bedeutung "Weltall" -dies nämlich in der Bedeutung "Weltordnung". Weitere Bedeutungen: Verfassung, Menschheit (d.h. alle Menschen), Schmuck, Zierde, Lob, Ruhm, Ehre, …
Nach gängiger Auffassung ist der Kosmos aus dem Khaos ("gähnende Leere"), also aus dem Nichts ohne Zutun einer Gottheit entstanden bzw wird selbst als einer der Protogonoi angesehen. Siehe z.B. die Theogonie des Hesiodos. Es gibt aber viele Varianten der Entstehung des Kosmos, siehe z.B. hier (englisch)
"Nichts kann existieren ohne Ordnung - nichts kann entstehen ohne Chaos." (Albert Einstein)
Wenn man das Wort κόσμοθεάσις (Kosmotheasis) einfach als "Weltanschauung" übersetzen würde, wären die weit gefasste Bedeutungen des Wortes θεάεσθαι - anschauen, betrachten, bedenken, erkennen, bewundern - ignoriert: Kosmotheasis ist viel mehr die Erkenntnis der Tatsache, dass die ganze Welt und alles, was in ihr ist (auch die Götter!) nach einer fest gesetzten heiligen Ordnung in Harmonie und Einheit funktioniert.
die Götter
Der Hellenismos ist eine polytheistische Religion. Das bedeutet, dass wir an die Existenz einer großen Zahl unsterblicher göttlicher Wesen glauben. Sie repräsentieren die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Kosmos und sind Garant für dessen harmonische Ordnung.
Als Hauptgottheiten werden die "zwölf Olympier", die nach der griechischen Mythologie auf dem Berg Olymp wohnen, verehrt: Zeus, Hera, Apollon, Artemis, Athene, Hephaistos, Poseidon, Hestia, Hermes, Demeter, Aphrodite und Ares, daneben noch weitere Gottheiten und Helden wie Dionysos, Herakles, Persephone, Pan, die Musen, die Nymphen.
Die Neuplatoniker der Spätantike teilten die Gottheiten in folgender Weise ein (einfache Darstellung):
- das Eine, das Gute, transzendent, allumfassend
- hyperkosmische Gottheiten, Götter der Ursache: sie erzeugen das Seiende, die Vernunft und die Seele
- (en)kosmische Gottheiten: sie bringen den Kosmos hervor und halten seine Ordnung aufrecht. Es sind die Gottheiten unserer Mythologie, mit ihnen halten wir Gemeinschaft in unserer religiösen Praxis
Zum Teil kam es bei verschiedenen Philosophen zu anderen Einteilungen.
Pindar meint:
ἓν ἀνδρῶν, ἓν θεῶν γένος: ἐκ μιᾶς δὲ πνέομεν ματρὸς ἀμφότεροι von Menschen und von Göttern ist je eine Art: von einer Mutter schöpfen beide den Atem
siehe auch den Artikel zur Zwölfzahl unserer Hauptgottheiten
θεός und θεοί
Das Wort theós im Singular taucht immer wieder in der Literatur auf und bedarf daher einer Erklärung. Die antiken Griechen sprachen nie von einem einzelnen Gott als θεός, auch nicht Zeus (trotz der Verwandschaft der Worte), sondern riefen immer die Götter im Plural oder einzelne Gottheiten bei ihren Eigen- oder Beinamen an. theós ist ein Prädikatsbegriff, und bezeichnet das göttliche Ereignis, das Ereignis des Göttlichen schlechthin. θεός geschieht, das Göttliche leuchtet (sprachwissenschaftlich gibt es z.B. die Verwandtschaft des Wortes mit altindisch dyau-, Himmel, und so ist ja Zeus auch ursprünglich Himmelsgott)
siehe auch den Aufsatz "Theos: "Gott" - auf griechisch" von Karl Kerenyi, 1968 (in: Karl Kerenyi, Antike Religion, 1971)
die Verehrung der Götter
Die Götter werden im Kultus verehrt, auch wenn sie dieser Verehrung nicht bedürfen. Sie benötigen auch unsere Opfergaben nicht, denn sie haben alles, was sie brauchen. Die Verehrung, die wir ihnen entgegen bringen, so wie auch die Opfergaben, sind ein Zeichen unsererseits, das die Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck bringt, so wie ein Zeichen der Dankbarkeit. Saloustios meint hierzu: "da wir alles von den Göttern empfangen haben, ist es wohl rechtens, den Gebern von dem, was sie gegeben haben, das Erstlingsopfer dar zu bringen."
Ausserdem sind wir der Meinung, dass Gebete ohne Unterstützung von Opfergaben kraftlos sind, da hier der Rückbezug zum Lebendigen fehlt, der in den Opfergaben dadurch herstellt wird, dass diese ja aus Lebendigem erzeugt wurden. Heutige Hellenisten opfern grundsätzlich keine Tiere mehr (die ja den stärksten Lebensbezug hätten), da dies unseren heutigen humanitären Vorstellungen widerspricht und die Schlachtung in der antiken Art in vielen Ländern verboten ist.
der Mensch
Die ethischen Werte der antiken Griechen wurden ihnen nicht von der Religion oder deren Vertretern vorgegeben, sondern haben sich im Rahmen der Entwicklung ihrer Gesellschaft analog mit gebildet. Es gibt keine "heiligen Gebote" in irgend einer religiösen Schrift. Jedoch haben sich viele Philosphen intensiv mit der Rolle des Menschen in der Welt und seinem idealen Verhalten beschäftigt. Ein daraus entstandenes, weit verbreitetes und auch öffentlich zugängliches Regelwerk sind die "Maximen von Delfi", die angeblich von den Sieben Weisen verfasst wurden.
Es geht im modernen Hellenismos auch nicht um ein Nachahmen oder eine Renaissance der antiken Welt, sondern um die Förderung einer idealen Vorstellung vom Menschen nach den antiken Vorbildern - mit den antiken Tugenden (ἀρετή): Tapferkeit, Vertrauen in die Götter, Freiheit und Gleichheit, Toleranz und Verständnis, Solidarität allem Lebenden gegenüber, Einsatz der Vernunft und des Gesetzes des μηδὲν ἄγαν - nichts zuviel, usw - so wie es unsere Philosophen auch von ihren Zeitgenossen verlangten.
Die wichtigste Einheit der hellenischen Religion ist die Familie, hier findet das religiöse Leben Statt. Hieraus ergeben sich die weiteren Organisationsformen als Zusammenschlüsse von Familien und Einzelpersonen. Wichtige Aspekte sind hierbei Toleranz und Gastfreundschaft, wie schon traditionell in der Antike gepflegt. Wir bemühen uns nicht um die menschlich unmögliche Anforderung, alle Menschen zu lieben, jedoch gilt für uns, dass jede Person so lange Freund ist, bis sie sich als Feind heraus stellt. Gesellschaftliche Solidarität ist uns ein Anliegen, so wie auch die Treue gegenüber den jeweiligen staatlichen Instanzen.
die Beziehung zu unseren Schriftquellen
Unser Wissen von den Göttern stammt primär aus der Mythologie, ist also uralte mündliche, später schriftlich nieder gelegte Tradition. Wesentlich ist die "Schau" (νόειν) der Götter, die in der Antike die Grundlage für die Beschreibung der Götter bildete und die auch für uns heute eine durchaus erwünschte Gelegenheit ist, unsere Beziehung zu den Göttern zu vertiefen.
Der Hellenismos besitzt kein einzelnes "heiliges Buch", sondern eine Vielzahl von antiken Texten, die alle ihren Teil zu einer Art von (gedachtem) Gesamtwerk der Weisheit beitragen, doch jeweils aus dem historischen und persönlichen Umfeld und Wirkzusammenhang des jeweiligen Autors gesehen werden müssen, kritisch interpretiert von jeder einzelnen hörenden oder lesenden Person - wiederum in dem jeweiligen eigenen Umfeld.




