Die Zwölfgötterfrage

von Ewald "Akesios" Strohmar, März. 2008

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Eine der interessantesten Fragen, die oft diskutiert wird, ist wohl die nach der Anzahl der Götter. Denn obwohl ja in gewisser Weise vorausgesetzt wird, dass die Zahl der Olympier genau zwölf beträgt, gibt es doch einerseits abweichende Meinungen, welche zwölf das denn genau wären, und andererseits auch noch viele andere Götter, die den Griechen wohl bekannt waren und auch teilweise verehrt wurden, sowie "göttliche Wesen", Halbgötter, Daimonen, usw.

Die Zahl zwölf als Zahl der Einheit und Perfektion mit besonderen mathematischen Eigenschaften repräsentiert die Gesamtzahl aller Götter in einer harmonischen Gesamtheit von sechs weiblichen und sechs männlichen Gottheiten.

Die Zwölfzahl unserer Götter (οἱ δώδεκα θεοὶ - Δωδεκάθεον) wird in der Literatur ganz selbstverständlich gebraucht z.B. bei Pindar, Olymp. X.49 (μετὰ δώδεκ' ἀνάκτων θεῶν - mit den 12 herrschenden Göttern), oder bei Aristofanes, Ornithes 95 mit einer komödiantischen Verfremdung einer gebräuchlichen Wunschformel die Zwölf Götter mögen dir Gutes senden, bei Thuk. VI.54.6 mit der Beschreibung eines Altars der Zwölf Götter (ὃς τῶν δώδεκα θεῶν βωμὸν) auf der Neuen Agora in Athen, von Peististratos erbaut, usw.

Die (platonischen) Philosophen bezeichnen Götter als Henaden und bestimmen ihre Anzahl als die aller ontischen ("seienden") Funktionen - somit wäre der Polytheismus auch die natürliche Erklärung des Kosmos, da er nicht von einem Gewordenen, sondern einem Seienden ausgeht. Die Philosophen sprechen nicht über die Götter selbst, sondern über die Einteilung der ontischen Funktionen (und wir glauben, dass sie diese nach bestem Wissen vollständig entschlüsselt haben). Auf dieser Basis können dann Theologen und Mythendichter den Götter Namen und Gestalt geben - und haben es in verschiedenen Kulturen auch unterschiedlich getan. Namen, Gestalt und Handlungen mögen unterschiedlich sein, sie beziehen sich aber alle auf die selben ontischen Funktionen.

Die Götter sind unsterblich und ewig. Sie sind einander gleich gestellt, trotzdem existiert eine Art "Hierachie", die in den Mythen durch die Erzählungen ihrer Entstehung oder Geburt dargestellt wird. Diese Darstellung bedeutet aber nicht, dass die Götter zu irgendeiner Zeit nicht existiert hätten, sondern dienen nur zur Erläuterung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Dadurch ergeben sich auch die verschiedenen Götter"familien" (Pantheon), da die Beschreibung familiärer Beziehungen zur Darstellung in der Mythologie sehr gut geeignet ist.

In der platonischen Philosophie geht man von einem Demiurgen aus, dem eine Schlüsselrolle in der Beschreibung des Göttlichen und des Kosmos zukommt. Der Demiurg ist aber kein eigenständiger Gott, sondern eher eine Funktionsbezeichnung - jede Gottheit ist zugleich auch Demiurg, denn alle Götter sind gleich.

Im "Timaios" 1) beschreibt Platon den demiurgischen Prozess als Gruppenprozess, und Proklos 2) meint, dass jede Gottheit das Universum sei, in der jeweils eigenen Art und Weise.

Aus diesem Gedanken stammt auch die Ansicht, dass Zeus (der ja gemeinhin als Göttervater, als "oberster Gott" definiert wurde, was aber primär ein kulturelles Phänomen ist und von den Philosophen übernommen wurde, weil das Konzept allgemein bekannt war) in gewisser Weise als Demiurg angesehen werden kann, als Lenker der anderen göttlichen Kräfte.

Die Anzahl der Götter ist grundsätzlich endlich, aber für uns Menschen erscheint sie als unendlich. Die genaue Anzahl ist nur den Göttern selbst bekannt.

"οὐκ ἄρα ἄπειρον τὸ τῶν θεῶν πλῆθος - denn nicht begrenzt ist der Götter Zahl" - Proklos, Elemente der Theologie 149

Nach Proklos manifestieren sich die Götter in verschiedenen Ebenen, und zwar: - denkbar (noetisch) - denkbar-denkend (noetisch-noerisch) - denkend (noerisch) - hyperkosmisch, - hyperkosmisch-enkosmisch - enkosmisch

Die Zwölfzahl bezieht sich dann nur auf die hyperkosmisch-enkosmischen (absoluten) Gottheiten, und diese Zahl wird wie folgt errechnet:

  • der Demiurg (der noerischen Ordnung) hat Anfang, Mitte und Ende
  • die hyperkosmischen Götter haben vier Aufgaben: Erzeugung - Beseelung - Harmonisierung - Schutz
  • somit ergeben sich zwölf absolute Götter:
    • Erzeugung: Zeus, Poseidon, Hephaistos
    • Beseelung: Demeter, Hera, Artemis
    • Harmonisierung: Apollon, Aphrodite, Hermes
    • Schutz: Hestia, Athene, Ares

Die anderen Götter sind in ihnen enthalten (z.B. Dionysos in Zeus, Asklepios in Apollon, usw.)

(Dank für die einfache Erklärung der proklischen Philosophie geht an "Empedotimos" im forum.ysee.gr)

1) , 2) Zitat fehlt
 
artikel/zwoelf.txt · Zuletzt geändert: 2009/01/24 09:35 (Externe Bearbeitung)