von Ewald "Akesios" Strohmar, 2007
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Die so genannte "Goldene Regel", auch "Ethik der Gegenseitigkeit" - Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! - oder auch, nach Kant, als "kategorischer Imperativ: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde., findet sich (natürlich etwas variiert) in vielen "heiligen Schriften". Die im Internet verfügbaren Traktate und Beispiele beschränken sich hier zumeist aber auf die "Weltreligionen", und so könnte man annehmen, dass die Griechen in dieser Beziehung keine Vorstellungen, gar Vorschriften, hatten. Wie das, wo sie doch sicherlich sehr auf ethische Grundlegungen bedacht waren?
Also hieß es - wieder einmal - tiefer zu graben, wie es eben in unserer Religion immer wieder nötig ist, da wir ja kein einzelnes "heiliges Buch" besitzen - was den Vorteil hat, dass wir nicht auf dieses eine Buch beschränkt sind und auf einem einzigen Satz aus diesem einen Buch unsere ganze Weisheit begründen müssen.
Der erste Weg für "alte griechische Regeln" führt mich immer zu den delfischen Regeln. Dort findet man allerdings nichts so Eindeutiges wie eine "goldene" Regel, sondern 147 einzelne Tipps für den Alltag. Seltsam? Vielleicht. Doch denken wir einen Schritt weiter: der Grieche lebte fest verankert in einem Denken, das von Gemeinschaftlichkeit bestimmt war. Nicht das Individuum war wichtig, sondern die Gemeinschaft - das Ziel der Erziehung war es, ein "guter" Bürger zu werden, und jede "Selbsterkenntnis" oder "Selbstverwirklichung" diente dem Zweck der Gemeinschaft und nicht dem Einzelnen. Als Nächstes fällt einem dann daher auch schon Platon ein, der zu diesem Themenkreis viele Gedanken hatte.
Doch zuerst möchte ich doch versuchen, noch ein paar Körnchen vorplatonischer Weisheit zu finden: Homer z.B. hatte in der Odyssee folgendes geschrieben (Od. V.188f ): ἀλλὰ τὰ μὲν νοέω καὶ φράσσομαι, ἅσσ' ἂν ἐμοί περ αὐτῇ μηδοίμην, ὅτε με χρειὼ τόσον ἵκοι - aber ich bedenke und überlege, was ich für mich selbst entscheiden würde, wenn ich in diese Lage geriete
Und Herodot (hist. III.142) berichtet über Maiandrios von Samos, der meinte: ἐγὼ δὲ τὰ τῷ πέλας ἐπιπλήσσω, αὐτὸς κατὰ δύναμιν οὐ ποιήσω - ich will aber das, was ich an meinem Nächsten tadle, nicht selbst tun, wenn es in meiner Macht ist
Es scheint sich also durchaus auch bei den Griechen der Antike, die von uns nicht explizit als "Philosophen" klassifiziert werden, um eine gängige "Regel", die einem eigentlich der "Hausverstand" sagt, zu handeln. Bedeutet dies etwa, dass es daher nie nötig war, sie in einem "heiligen" Buch zu verewigen? War es für den Griechen klar, dass Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit beruht, und für andere Völker, die hierzu erst ein "Wort Gottes" brauchten, nicht? Oder bedeutet es, dass für andere Völker die Gemeinschaft nicht den selben Stellenwert hatte wie für die Griechen?
Eigentlich könnte man die möglichen dahinter steckenden Ideologien einteilen in:
ergänzt durch
Also, ganz grob: Anarchie, Demokratie und Theokratie. Aber jetzt wird es kompliziert, denn bei den Griechen findet man eigentlich alle drei Formen. Die Sophisten z.B. proklamierten den Menschen als das "Maß aller Dinge", wenn auch nicht im Sinn eines hemmungslosen Individualismus, sondern im Sinn von "erkenne dich selbst". Aber diese sehr romantische Vorstellung, dass der sich erkannt habende Mensch ganz sicher auch mit seiner Umgebung klar kommt, funktioniert in der Praxis nicht von allein, trotz der Lehrsätze vieler Philosophen, z.B. bei Isokrates (Brief an Demonikos,14): τοιοῦτος γίγνου περὶ τοὺς γονεῖς, οἵους ἂν εὔξαιο περὶ σεαυτὸν γενέσθαι τοὺς σεαυτοῦ παῖδας. - Sei gegenüber deinen Eltern so, wie du möchtest, dass deine Kinder dir selbst gegenüber sein sollen.
Oder Thales in Diog.Laert.I.37: πῶς ἂν ἄριστα καὶ δικαιότατα βιώσαιμεν, "ἐὰν ἃ τοῖς ἄλλοις ἐπιτιμῶμεν, αὐτοὶ μὴ δρῶμεν·" - Wie kann man am edelsten und gerechtesten leben? - "Wenn wir nicht tun, was wir an anderen tadeln"
Aber es bleibt die Tatsache, dass man immer "selbst" den Maßstab setzt, was man den "anderen" antun möchte. Denn was dem einen gefällt, ist womöglich dem anderen ein Gräuel.
So kann man diese individuelle Regelung ersetzen durch die Idee der Gesellschaft als Korrektiv des Einzelnen, also beschließt die Mehrheit, was "in Ordnung" ist. Auch darüber läßt sich natürlich streiten, bzw. diskutieren. Womit wir auch schon wieder bei Platon und seinem Idealstaat wären. Jedoch schwingen bei Platon auch immer wieder Vorstellungen vom Göttlichen mit, vom Kosmos, der göttlichen Ordnung, als Muster für unsere menschlichen Ordnungen. Nach Platon kann ja so etwas Unvollkommenes wie der Mensch gar nicht als Maß dienen (ἀτελὲς γὰρ οὐδὲν οὐδενὸς μέτρον. pol. 6.504c).
Als Beispiel für eine direkte Erwähnung des Gegenseitigkeits-Grundsatzes wird von Platon auch gern der Satz in nom.11.913 angeführt: κατὰ ταὐτὰ δὲ ταῦτα καὶ περὶ τὰ τῶν ἄλλων ἐγὼ δρῴην, νοῦν ἔχων ἔμφρονα - entsprechend muss ich mich ebenso verhalten gegenüber dem, was anderen gehört, wenn ich einen gesunden Geist habe, in welchem es zwar um Eigentum geht, der aber auch den "Hausverstand" impliziert, eben wieder das "du wirst doch nicht so dumm sein, jemandem Anderen zu schaden…."
Die "Weisen" des alten Griechenland hatten, jeder auf seiner Weise und im Zusammenhang mit verschiedenen Situationen, ihre eigene Antwort auf die Frage der Gegenseitigkeit, und immer sind es Antworten, die mit der Vernunft zusammen hängen, nicht mit göttlichem Gebot. Die griechischen Philosophen werden ja auch gern als areligiös gesehen, jedoch das Gegenteil ist der Fall. Sie vertreten doch zumeist die Ansicht, dass Vernunft nur aus dem und in Verbindung mit dem Göttlichen gesehen werden kann, sie beschäftigen sich auch immer wieder mit dem Wesen des Göttlichen und sind somit auch "Theologen". Der Unterschied zwischen ihnen liegt doch hauptsächlich in der Art, in der sie das Göttliche sehen und den Folgerungen, die sie aus der Wechselwirkung zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt ziehen. Denn sie leben alle im griechischen Denken, und das war eben ein Wechselspiel zwischen dem Ich, der Gemeinschaft und den Unsterblichen. Und dieses Ineinander und Miteinander kann man nicht in einen einzigen Satz, eine "goldene" oder wie immer gefärbte, Regel pressen, die auf jeden Fall die Gefahr einer Interpretation in sich birgt, die sich auf allzu persönliche Interessen konzentriert. Denn schließlich kann man auch in gutem Glauben jemandem schaden. Die ständige Beobachtung meiner Handlungen aus den drei Blickwinkeln:
ist zwar anstrengend, bringt aber den sichersten Erfolg.
Können wir also wagen, als Konklusio fest zu legen, dass es wohl die sinnvolle Mischung aller drei Komponenten - des Ich, des Wir und des Göttlichen - ausmacht, was "gut und gerecht" ist? Im Lichte des Göttlichen und im Spiegel der Gemeinschaft kannst du dich Selbst am besten betrachten und so am besten entscheiden, was "gut und gerecht", άγαθος καὶ δικαὶος, ist.
