Ritual-Rückkreuzung

von Ewald "Akesios" Strohmar, erste Veröffentlichung im KHAIRE-Newsletter Okt.07

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Ich habe mir einmal mehr Gedanken über die Gestaltung unserer Rituale gemacht, weil die Durchführung von Ritualen offenbar etwas ist, was gerade von "neuheidnischen" Religionen erwartet wird - im Gegensatz zu z.B. christlichen Religionen, wo man (nicht nur, aber auch) soziales Engagement, "unreligiöse" Veranstaltungen, Vorträge usw. erwartet und eigentlich ausserhalb des Sonntags-Gottesdienstes nicht von allzuviel "Religiösem" hören will. Doch im Bereich des "Heidentums" hört man kaum den Ruf nach etwas anderem als nach "Ritualen", und es gibt nur selten "Religiöses" ausserhalb von Ritualen, die sich noch dazu an einem ohne weiteres Hinterfragen großteils akzeptierten "Jahreskreis" orientieren.

Ich kann in diesem Rahmen nicht näher auf die Ritualtheorie eingehen (und leider ist in diesem Bereich die "Forschung" m.E. sehr einseitig auf Rites de passage und Alltags- sowie "Ersatz"rituale wie z.B. im Sport beschränkt), möchte jedoch meinen Ausführungen einen Gedanken voran stellen: das religiöse Ritual ist die Nachbildung der Kosmischen Ordnung (κοσμος). Unter diesem Gesichtspunkt (das Wort "Ritual" leitet sich vielleicht vom ie. wrti, sanskr. rta ab, die beide mit der kosmischen Ordnung verbunden sind) möchte ich einige Gedanken zur Gestaltung von "Feiern mit rituellem Charakter" (εορται) im rekonstruierten hellenischen Polytheismus wagen.

Wenn man die Form der antiken griechischen Rituale betrachtet, fällt auf, dass es offenbar keine gibt - zumindest keine genau überlieferte. Es wurde von antiken und modernen Autoren sehr viel über das Opfer (hier dann zumeist das Tieropfer) geschrieben, aber darüber hinaus eher wenig, vor allem kaum etwas über die religiösen Hintergründe von Kulthandlungen (es wird z.B. von Homer beschrieben, dass Odysseus seine Halle mit Schwefel ausräuchert, nachdem er die Freier seiner Gattin dort getötet hatte - aber warum? Um die rachsüchtigen Geister der Getöteten zu vertreiben? Oder empfindet er die Halle nun als unrein (miaros), obwohl er seine Tat ja wohl als gerechtfertigt ansieht? Was macht sie dann aber unrein? Wenn es das Morden war, müsste er sich dann nicht vordringlich selbst reinigen? (Was er aber nicht tut!) Oder war die Halle durch das frevlerische Handeln der Freier vorher schon unrein, und das Räuchern hat gar nichts mit dem Gemetzel zu tun?) Beschrieben wird gern ein mythologischer Hintergrund ("Be-gründung") von Kulten, v.a. von der Stiftung eines Kultes oder bestimmter Bestandteile, wobei natürlich mythologische Begründungen sich historisch nicht nachvollziehen lassen und somit oftmals "uraltes" Brauchtum in einer Feier damit ratifiziert werden soll. Impliziert wird hier auch die allgemeine Annahme, dass die Götter die Kosmische Ordnung repräsentieren (s. z.B. Saloustios, peri Theon kai Kosmou 11), da alles im Kultus göttlicher Herkunft sein muss.

War es aber den Menschen der Antike egal, warum sie eine Handlung durchführen oder einen Text sprechen sollen? Genügt als Begründung wirklich, dass es diese oder jene Gottheit so eingerichtet habe? Dies bedingt natürlich in weiterer Folge auch die Notwendigkeit der genauen Befolgung der Handlungen und führt zur oft gehörten Aussage, dass es für die antiken Menschen nur wichtig war, die richtigen Handlungen im Kult auszuführen, mit dem Herzen (oder wie auch immer) brauchte man nicht dabei sein, man musste auch nicht "glauben" (wie wir das Wort verstehen) usw. Die weitere Konsequenz wäre dann natürlich auch die Zuwendung der Menschen, denen diese reine Orthopraxie zu wenig war, zu Mysterienkulten, bei denen es ja offenbar auch um metaphysische Inhalte geht.

Die antike Kultfeier scheint sich primär um das Tieropfer herum aufgebaut zu haben. Walter Burkert (HN, GR) sieht den Ursprung des Tieropfers in der Jagd - und somit das Abbild des (erfolgreichen) Jagdzugs und des daran anschließenden Festmahls im klassischen Ritus: Vorbereitung des Sakralen Raumes - aggressiver Akt - danach das gemeinsame Fest als Bestätigung des Lebens - und zum Abschluss das agon, die Wettkämpfe (die vielleicht ursprünglich als "Eheanbahnung" gedient haben, wenn sich die jungen Männer zur Schau stellten - darum durften auch bei den Olympischen Spielen keine verheirateten Frauen Teil nehmen, denn die brauchten sich ja keinen Mann mehr auswählen). Man kann sich hier eine Entwicklung vorstellen: der archaische Jäger, der ein Tier erlegt hatte, war zuerst einmal stolz auf sich selbst, seine Fähigkeiten als Jäger, und dankbar den Geistern/Göttern, die ihm dieses Tier zu erlegen ermöglicht hatten (die auch vor der Jagd kultisch darum gebeten worden waren, wie man vermuten kann, wenn mit neueren indigenen Völkern und deren Riten vergleicht), sowie gegenüber der Jagdgruppe, die ja gemeinsam den Erfolg herbei geführt hat, wenn auch nur ein Einzelner den tödlichen Schuss abgegeben hat.

Hier kommen m.E. zwei ursprünglichen Geisteshaltungen zu Tage, die uns heute (auch und vor allem im religiösen Umfeld) schon eher fremd sind: die Dankbarkeit den Göttern gegenüber, die es erst ermöglicht haben, dass es Nahrung gibt (was aber auch eine entsprechende theologische Vorstellung impliziert!) sowie das Gemeinschaftsgefühl, synoikia, denn schließlich lebt der Mensch seit jeher in Gruppen, und deren Funktionieren war immer schon wesentlich für das Überleben des Einzelnen - und daraus resultieren die diversen ethischen Regeln, die von vielen Völkern auch durch ihre Einsetzung von einer Gottheit religiös authentisiert werden.

Diese Betrachtungsweise wäre aber zu erweitern um das beide genannten Konzepte umspannende Prinzip des wrti - für das es kein etymologisch entsprechendes Wort im Griechischen gibt (wobei meiner Meinung nach sowohl αρετη als auch εορτη damit zusammen hängen, sowie vermutlich καιρός, der Begriff für das rechte Maß, den rechten Zeitpunkt oder Ort) - also des umfassenden, vielschichtigen κοσμος -Begriffs der Griechen.

Sollte man daher nicht im Rahmen der "Rekonstruktion" von antiken Kulten versuchen, den ursprünglichen Begründungen für die Kulthandlungen, also dem "Nachbilden der Kosmischen Ordnung" auf die Spur zu kommen und daraus neue und gleichzeitig sinnvollere Modelle für "unseren" Kultus zu entwerfen anstatt sich aus den Quellen mühsam angeblich "authentische" - aber dann auch durchwegs "othopraktische" - Ritualschemata zusammen zu stellen, wie dies ja leider derzeit üblich ist?

Betrachtet man z.B. die Vorgaben für "klassisch-griechische" Rituale, die auf modernen Internet-Seiten (z.B. bei Kyrene, Hellenion) zu finden sind, zeigt sich folgendes Bild: Prozession - Aufstellen im Kreis - Vorbereitung - Hymnen / Gemeindegebete - Speisenopfer - Trankopfer - Abschluss / Fest, eine Abfolge (die sich übrigens auch auf W.Burkert, GR Kap.2, beruft), die sich mehr vom reinen "Tieropfer mit Feier rundherum" in Richtung einer Feier entwickelt, die folgende Elemente im Sinne der Abbildung des κοσμος aufweist:

  • die Prozession als das Werden des Kosmos
  • der Kreis als die jene geometische Figur, in der alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind
  • Reinigung als Trennung von der physischen Welt und Hinführung zum Göttlichen
  • Einladung, Begrüßung der Götter als Aufbau einer konkreten Beziehung für diese Feier
  • Hymnen und Gebete als verbale Kommunikation mit den Göttern und Einschwingen auf das Kosmische
  • Opferhandlungen als physische Kommunikation und Verbindung mit der Göttlichkeit des Kosmos
  • Festmahl der Gemeinschaft als Hinübertragen der "Essenz" der Feier in das "normale Leben"

Hieraus ist auch erkennbar, dass es nicht der Tieropfer bedarf, um die Verbindung der einzelnen Elemente der Feier (sakraler Raum/Zeit, Götter, Menschen, Worte, Opfergaben,…) herzustellen.

Diese Standardstruktur sollte aber nur als Rahmen dienen: ihre Elemente müssen vorhanden sein, wenn man die traditionelle Abbildung des κοσμος durchführen will (und wird auch in dieser Form von allen Religionen der indoeuropäischen Linie so durchgeführt). Zusätzliche, ergänzende (oder ersetzende) Elemente sollten allerdings durch die Vorgabe des "Anlasses" der einzelnen Feiern oder generell für eine Gemeinschaft hinzu genommen werden, wie z.B. tänzerische Elemente oder theatralische Darbietungen von mythologischen Szenen. So wäre auch die von einigen Gruppen praktizierte Anrufung/Aufstellung der vier Elemente in den vier Himmelsrichtungen zu sehen als eine zusätzliche Bekräftigung der Stabilität des Kosmos durch jene Energien, die ihn bilden und zusammen halten.

Mögliche weitere Elemente wären:

  • (Trommel-)Musik, eventuell bis hin zu einer ekstatischen Trance, um sich nicht nur pro forma, sondern auch wirklich in diese "Welt zwischen den Welten" des Sakralraumes zu begeben
  • Verbindung der verbalen und materialen Komponenten: Gebete könnten mit Tanz oder anderer Gestik unterlegt werden
  • Orakel: früher war es üblich, mittels verschiedener Orakeltechniken heraus zu finden, ob die geplante Feier den Göttern überhaupt genehm ist (Zeitpunkt, Ort, Teilnehmer,…) - heute werden wir in unserer Planung zu oft durch unser Alltagsleben eingeschränkt, die Teilnehmer müssen frei haben, kommen oft von weit her, usw. Trotzdem sollte man zumindest ein einfaches Vogelorakel befragen und bei schlechten Vorzeichen einige Opfergaben "springen lassen" (den Geister des Ortes sollte man auf jeden Fall etwas zukommen lassen, vor allem als "Hellene im fremden Land").
  • "Ritual mit allen Sinnen": nicht nur Worte, bitte! Es darf geräuchert werden, getanzt, oder sich sonstwie bewegt (ich z.B. bewege mich beim Beten meist unwillkürlich vor und zurück), getrommelt, auch gelacht oder spontan geredet oder geopfert - wir befinden uns in einer anderen Welt, in der wir unserem Ich und den Göttern nahe sind - und wer die Götter schaut, sollte nicht in seinen weltlichen Regeln verhaftet sein. Für uns westliche Menschen mag das seltsam wirken, doch bedenken wir, dass die ausgelassenen afroamerikanischen Religionen eigentlich einen ihrer Ursprünge (über die ostafrikanische Yoruba-Religion) in der griechischen Antike haben, sollten wir diese "Rückkreuzung" von Riten durchaus in Betracht ziehen!

 
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