Homer - alles ganz anders?

von Ewald "Akesios" Strohmar, Feb. 2008

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Ende Dezember 2007 ist die Diskussion um Homer und sein Troja wieder aufgeflammt1). Der Autor Raoul Schrott, ein vergleichender Literaturwissenschaftler, ist bei seiner Neuübersetzung der Ilias auf angeblich sensationelle Erkenntnisse gestoßen. Kurz gefaßt: Homer wäre ein griechischer Schreiber der assyrischen Machthaber in Kilikien gewesen, und die ganze Geschichte um Troja würde deren Auseinandersetzung mit kilikischen Rebellen und ihrer Festung Karatepe beschreiben. Mögen nun die Archäologen, Philologen und Historiker diese Gedanken ihrem Jahrhunderte alten Streit um Homer und Troja hinzufügen, für mich bleibt die Frage: welche Rolle spielen sie für unser Verständnis der Religion des archaischen, klassischen oder späteren Griechenlands? Denn eines ist klar: egal ob Philologen oder Archäologen, dieser Punkt spielt wohl für die "Wissenschaft" vorerst kaum eine Rolle, doch ich denke, dass eine Änderung der Rezeption des Homer und seiner Werke auch unser Verständnis der griechischen Religion beeinflussen kann und wird.

Was würde es denn für uns moderne Hellenisten bedeuten, wenn Homer nicht jener große Epiker wäre, den wir schon seit unserer Schulzeit als solchen kennen? War es für uns ein Schock, als wir fest stellten, dass es eine "Homerische Frage" bezüglich der Person und/oder Autorenschaft der Homerischen Epen gibt? Oder dass die Homerischen Hymnen gar nicht von Homer sind (zumindest sicher nicht alle)? Oder dass Archäologen in immer wieder anderen Ruinenstädten Troja zu erkennen glaubten?

Ist es uns (Hellenisten) überhaupt wichtig, dass Homer zu dieser und jener Zeit gelebt hat, diese und jene Tätigkeit ausgeübt hat, dieses und jenes Werk verfasst hat? Interessiert es uns, ob es ein Mann mit dem Namen Homer war, der die großen Epen Ilias und Odyssee verfasst hat?

Wie schon Herodotos gesagt hat, haben Homer und Hesiod den Göttern ihre Gestalt und ihre Tätigkeitsbereiche zugewiesen, oder besser gesagt, sie haben das, was in den verschiedenen lokalen Mythologien und Kulten schon lange bekannt war, zusammen gefasst und vereinheitlicht. Dass dabei auch Einflüsse aus anderen Kulturkreisen eine Rolle gespielt haben, ist unbestritten, denn schon die Wahl der epischen Form ist hierfür Zeuge. Im Vorderen Orient war diese das Mittel der Wahl, um die Erinnerung als Sammlung des Wissens zu bewahren. Hierbei geht es aber bei "Wissen" nicht um Geschichte oder andere wissenschaftliche Disziplinen, sondern um Mythologie, die als eine Art "Vorgeschichte" zu betrachten ist.

Wesentlich ist, dass die epische Dichtung ein gesamtgriechisches Verständnis der Götter und Menschen (Helden) geschaffen hat, und dies zu einer Zeit, als die einzelnen griechischen Stämme zu einem einheitlichen Gebilde mit einem neuen Selbstverständnis zusammen zu wachsen begannen, wie man an der Entstehung allgemeiner Kultzentren, Handelsbeziehungen, usw. erkennen kann.

Welche Bedeutung sollte es aber in diesem Zusammenhang haben, ob Homer hier oder dort, als fahrender Sänger in Attika oder als Schreiber beim assyrischen König, gelebt haben soll, oder ob Troja in Kilikien oder anderswo zu finden ist? Troja steht als Symbol für den Wechsel von der Heldenzeit zur geschichtlichen Zeit, und die Eigenschaft eines Sybols ist es ja, unabhängig gültig zu sein, nur durch die Interpretation des Menschen, der es sieht, erfährt es seine Gültigkeit.

Auch ohne die Hilfe von Herrn Schrott ist es seit Jahrzehnten bekannt, dass Einflüsse aus dem Vorderen Orient auf die griechische Kultur eingewirkt haben, und das ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes, schließlich lebt kein Volk unter einem Glassturz. Die Frage ist nur immer, wie diese Einflüsse rezipiert werden, wobei es ja drei Möglichkeiten gibt: entweder ablehnend, wie im Fall des Judentums, oder in Form einer kompletten Übernahme der neuen Kultur (gewaltsam oder auch freiwillig), oder, wie im Fall der Griechen, durch eine kreative Assimilation und Integration. Es passte ja auch sehr gut in diese Zeit des Umbruchs, der kulturellen Blüte, und diese Harmonisierung der alten Mythen mit neuen Impulsen, die so perfekt das Götter- und Menschenbild des erwachenden Bewusstseins des Griechentums bilden konnte, ist nicht einfach eine Kopie der orientalischen Kulturen, sondern etwas neues, eben griechisches.

Und auch die Helden der Ilias sind echt griechisch, denn sie repräsentieren jene Menschen der überlieferten Vorzeit, die durch ihre übermenschlichen Eigenschaften, und mit Hilfe der Götter, bestimmte Aufgaben zu bewältigen haben, und sollen ethische Werte verkörpern, die von den Griechen der damaligen Zeit (also den Zuhörern) angestrebt wurden. Es spricht ja nichts dagegen, dass Assyrer, Ägypter oder auch Kelten und Inder ähnliche Werte hoch hielten, das bedeutet für mich eher, dass diese Werte etwas typisch Menschliches darstellen als einen "Wert-Import" aus einem bestimmten Kulturkreis.

Man sollte die Helden auch gar nicht historisch greifen können, auch wenn später die griechische Aristokratie gerne einen von ihnen als Stammvater angesehen haben, oder Orte sich auf die Gründung durch einen dieser Helden beriefen: hierbei geht es um den Bogen von der Heldenzeit in die Geschichte, einen Bezug zu jener Zeit, als sich Götter und Menschen noch näher waren als heute - also eine Art Überschreitung der Grenze zwischen Logos und Mythos - und legitimiert auf diese Weise in beide Richtungen die mythische Zeit als Basis der geschichtlichen Fakten. Dies ist natürlich eine Denkweise, die der unseren fremd ist, und auch schon späteren griechischen Denkern fremd zu werden begann, die eine strenge Trennung zwischen "beweisbarer" Geschichte und Mythen forderten. Doch was sollte es bringen, Mythen dadurch ihren Gehalt zu stehlen, indem man plötzlich "streng wissenschaftliche Beweise" hervor zaubert, die zeigen, dass die Überlieferung "nicht wahr ist"? Denn aus mythologischer Sicht ist dies ja eigentlich unmöglich, denn Mythen folgen eigenen Gesetzen: sie müssen nicht "logisch" sein, nicht beweisbar, nicht begründbar. Helden haben Superkräfte, es gibt seltsame Wesen, usw.

Vielleicht ist es gerade diese Vermischung von Mythos und Realität, dieses Leben auf zwei verschiedenen Ebenen, was die antiken Menschen noch hatten, uns aber lange verloren gegangen ist. Das macht aber für mich gerade die Genialität eines Homer aus, diese beiden Welten miteinander zu verbinden, und dies ist eigentlich auch die Basis unserer Religion, die sich ja nicht auf eine Offenbarung im Sinn der "Buchreligionen" berufen kann, sondern "nur" auf Mythologie und Kultus, und somit von uns auch an Stelle eines "Glaubens" an das Geschriebene fordert, uns ständig mit dem "Wahrheitsgehalt" der Mythen zu beschäftigen. Und dabei geht es eben nicht um die "reale" Existenz irgendwelcher Örtlichkeiten oder Personen, sondern um die Möglichkeiten, die die Mythen uns anbieten. Wenn man Homers Epen schon wissenschaftlich untersuchen will, sollte man über archäologische Befunde und sprachliche Vergleiche hinaus gehen und, so wie die Physiker, die darüber tüfteln, wie etwas gleichzeitig Welle und Teilchen sein kann, fragen, ob Mythen nicht vielleicht doch eine andere Ebene der Wahrheit darstellen als man bisher angenommen hat. In der Antike hatte man keine Probleme damit, Mythisches mit Historischem zu verbinden, oder Erkenntnisse der Physik mit jenen der "Metaphysik".

1) siehe hierzu auf unserem Forum, dort befinden sich auch die div. Pressemeldungen zum Thema
 
artikel/homer_neu.txt · Zuletzt geändert: 2011/03/18 11:29 (Externe Bearbeitung)