Hellenisten und Hexen

von Ewald "Akesios" Strohmar, erste Veröffentlichung im KHAIRE-Newsletter Sept.07

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Die Teilnahme von Sassa und mir am heurigen Hexentreffen "Bell Book & Candle" hat uns gezeigt, dass zwischen Hellenismos und Hexentum (bzw den derzeitigen nicht-rekonstruktionistischen Strömungen des "Heidentums") eine größere Kluft zu sehen ist, als wir erwartet hatten. Meine Vorträge zum Hellenismos bzw zur Mythologie hatten eigentlich keine der "Hexen" wirklich interessiert, was man natürlich auch zeitgleich Statt findenden Vorträgen in die Schuhe schieben könnte, wären da nicht auch die Statistiken der Zugriffe auf unsere Webseiten, die die selbe Auskunft geben: Hexen interessieren sich nicht für alte griechische Religion.

Doch halt: da war doch noch Hekate, die von den "Hexen" als die griechische Göttin der Magie (oder der dunklen Künste, wenn man es etwas potterischer formulieren will) verstanden wird. Ja, die mögen sie! Da gehts um eine andere Welt: die Unterwelt, um Schatten, Nächte, Geheimnisvolles.

Und an der Hekate-Verehrung kann man genau den Zwiespalt zwischen "ihnen" und "uns" analysieren. Hekate wurde nicht im Rahmen des offiziellen Staatskultes verehrt, wohl aber im Kult des Volkes - das ja auch heimlich zur Hexe pilgerte, um sich mit Magie (klar: Liebes- und Schadenszauber, was sonst - die diversen "Zauberpapyri" sind voll davon!) und Wahrgesagtem zu versorgen. Und genau das macht doch wohl für Viele, die sich in den Esoterik-Regalen der Buchhandlungen mit "Hexenbüchern" eindecken, den Reiz des "Hexe-Seins" aus: das Geheime, "Esoterische", das Wissen, das die "Normalos" (heute nennt man sie wohl eher "Muggles") eben nicht haben, und das letztlich in den Wunsch nach einer "magischen" Manipulation der Realität mündet (in den Grund dieses Wunsches will ich mich jetzt gar nicht vertiefen). Das moderne Hexentum scheint ja der Nachfolger des "Okkultismus" des 19. und der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts zu sein, bzw. der "Esoterik" der 80er, und vieles davon wird im "Hexentum" recycelt. Man sieht sich als Nachfolger einer "uralten" Tradition des Mystischen, und glaubt, diese nur hier zu finden. Wie viele Glaubensrichtungen übersieht man hier das Wort "auch".

Denn "auch" im Hellenismos gibt es Mystisches. Man muss hierfür auch gar nicht lange suchen, etwa irgendwelche "verborgenen Texte" zu Tage fördern oder den Glauben des Volkes aus archäologischen Befunden interpretieren. Die Texte "unserer" Mystik gibts in jeder besseren Buchhandlung zu kaufen, nur nicht im Esoterik-Regal, sondern in der Abteilung "Philosophie". Was waren denn Aristoteles oder Platon anderes als Forscher nach den letzten Wahrheiten des Kosmos? Sie hüllten sich nur nicht in einen Mantel des Geheimnisvollen (mit der Ausnahme von Pythagoras, der als Erster einen "esoterischen" Zirkel begründete, was aber auch nur wenige Menschen heute dazu bewegt, Pythagoräer zu werden).

Und Neuplatoniker wie Plotinos, Iamblichos und auch Kaiser Ioulianos integrierten die philosophischen Lehren in die hellenische Religion zur Zeit des beginnenden Christentums, und zeigten dadurch, dass nicht nur Mysterienkulte und Christen Spirituelles zu bieten hatten, sondern auch unsere hellenische Religion. In "Über die Götter und den Kosmos" fasst Saloustios diese Lehren in einfachen Worten für die Menschen seiner Zeit zusammen, und davon können wir auch heute profitieren, denn sein Werk ist durchaus auch in unserer Zeit noch für hellenische Rekonstruktionisten geeignet.

Doch es scheint, dass das Studium langer Texte (womöglich noch in einer alten Sprache, die noch dazu zu komplizierten Sprachkonstrukten und unverständlichen Anspielungen neigt) und ihrer Zusammenhänge ausserhalb der "Rekonstruktionisten-Szene" auf wenig Gegenliebe stößt. In der heutigen Zeit will man anscheinend in möglichst kurzer Zeit zu Ergebnissen in Belangen der Selbstverwirklichung gelangen, ein schnelles Handbuch, das noch dazu suggeriert, dass man genau danach schon immer gesucht hat, genügt. Und in diesem Punkt bieten die alten Griechen recht wenig, waren sie doch kaum bestrebt, sich selbst als Individuum zu verwirklichen, sondern sich vielmehr als wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu erweisen. Paideia und Arete galten mehr als individuelle Erfahrungen.

Sollte hier die Ursache für das Desinteresse liegen? Ist es weniger das Interesse an Geschichte und Geschichten (Mythen), sondern der Hang zur Selbstfindung, was die meisten Heiden von rekonstruierten Religionen abhält? Oder eine aus dem meist christlichen Hintergrund in unseren Breiten stammenden generelle Aversion gegen Religion, oder besser gesagt, religiösen Organisationen und ihren Dogmen? Auch hier kann gesagt werden, dass sich rekonstruktionistische Religionen sehr stark von den etablierten Religionen unterscheiden, denn schon auf Grund der Tatsache, dass ausgefeilte Dogmengebäude Jahrhunderte zu ihrer Entwicklung benötigen, es aber Bestrebungen, antike Religionen wieder erstehen zu lassen, erst seit einigen Jahren oder vielleicht Jahrzehnten gibt, kann man bei uns genügend Freiheit für jede Art von Interpretation entdecken. Eigentlich deklarieren sich alle echten Recon-Richtungen doch so, dass sie keine festen Dogmen haben (weil es diese in der Antike ja auch nie gab) und sich in den jeweiligen Gruppen abstimmen, was die Theorie und Praxis der Glaubensausübung betrifft, und im Gegenteil: nur jene Richtungen, die sich einige Teile aus einer antiken Religion oder Kultur (oder was sie dafür halten) herauspicken und diese mit (eigentlich modernen) Elementen wie Selbsterfahrung, Meditation, schamanischen Techniken westlicher Machart, usw verbinden, haben die Tendenz, dogmatisch zu sein, um "ihrem" Glauben Stabilität zu verleihen.

Nun ist es aber sicher nicht so, dass man die beiden Modelle nicht Frucht bringend miteinander verbinden könnte. Nichts spricht z.B. dagegen, sich im Rahmen eines hellenischen Rituals in Trance zu tanzen, und sich dann von Göttern in Besitz nehmen zu lassen - egal ob dies echt ist oder nur gespielt, schliesslich stammt auch das Theater vom griechischen Ritual ab, genauer von den gespielten Tänzen der Satyrn. Mysterienspiele usw. sind auch eine Form des Rituals, und man kann Hymnen nicht nur "aufsagen" oder singen, sondern auch eine multimediale Performance draus machen. Doch so weit sind wir noch lange nicht, zuerst müssen die Grundlagen stimmen. Lassen wir es - meden agan - doch langsam angehen, die schnellen Erfolge aus dem Handbuch führen zu nichts.

Wir brauchen eine ganzheitliche Religion für dieses Jahrtausend, in der unsoziale Zustände und unmenschliche Denkweisen aufgelöst werden. Der Kosmos selbst soll Pate stehen - und das tut er nach unserer Sicht in der hellenischen Religion.