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Helios
von Ewald "Akesios" Strohmar
Mythologie
Helios (Ήλιος, aus σαFελιος, daraus lat. Sol) ist einer jener Götter, deren Vorstellung eigentlich aus einem ursprünglichen Empfinden der Menschen entspringt: dem Gefühl beim Anblick der Sonne, die ja in vielen Kulturen einfach durch ihre Existenz als göttlich angesehen wird, primär als Spender von Licht, Wärme, Kraft, dann natürlich auch als Zeichen der Zuversicht und Hoffnung, als Zeichen für das Verstreichen der Zeit, usw. Sein Name ist vieldeutig: die Sonne als Gestirn, das Sonnenlicht bzw Tageslicht, den Sonnenaufgang (und somit auch die Himmelsrichtung Osten).
Als Eltern des Helios gelten Hyperion (bei Hesiod, von den sehr frühen und sehr späten Dichtern wird Hyperion nur als Beiname des Helios verwendet wird) und Theia, beides Titanen (daher auch Titan als Beiname des Helios, v.a. in römischer Dichtung). Aber auch andere Mütter werden genannt - alles eher vage, wer kann auch ernsthaft Vater oder Mutter der Sonne sein? Selene (Mond) und Eos (Morgenröte) sind seine Schwestern, er ist Vater der Heliaden und des Faethon von der Nymphe Klymene.
Er steigt mit seinem Sonnenwagen am Morgen aus dem Okeanos auf, reist über den Himmel und taucht am Abend wieder ins Meer, wobei unklar bleibt, wie er dann wieder zurückkehrt (und man fragt sich, ob hier der Gedanke einer scheibenförmigen Erde überhaupt greifen kann). Er kann nicht im Olymp wohnen, er kann auch streng genommen keine Tempel haben (da er sie nie besuchen könnte) - wobei dies eben nicht immer so streng genommen wurde, vor allem in Gegenden, in denen sich fremdländische Sonnenkulte eingenistet hatten. Auch der Koloss von Rhodos war ein Standbild des Helios.
Helios, der die Erde erleuchtet, sieht daher auch alles, er ist Zeuge aller menschlichen Taten und wird daher gerne (mit Zeus und Gaia) als Schwurzeuge angerufen. Er heilt Blindheit oder gibt sie (ähnlich wie Apollon auch Krankheiten heilen und verteilen kann). Und natürlich ist er Gott der Lebenskraft, der schöpferischen Kräfte, von Freiheit, Glück usw. Ab dem 5. Jh. v.u.Z. wurde Helios oft mit Phoibos Apollon gleich gesetzt, aus Gründen, die man sicher bereits erahnen kann. Und im 3.Jh u.Z. kam der Kult des Sol invictus mit Elementen des Mithaskults und orientalischer Sonnenkulte sowie des Kaiserkults auf.
Hymnen
Orphische Hymne Nr. 8: Εἰς Ἥλιον
Κλῦθι μάκαρ, πανδερκὲς ἔχων αἰώνιον ὄμμα,
Höre Seliger, allglänzende, ewige Erscheinung,
Τιτὰν χρυσαυγής, Ὑπερίων, οὐράνιον φῶς,
goldschimmernder Titan, Hyperion, Licht des Himmels,
αὐτοφυής, ἀκάμας, ζῴων ἡδεῖα πρόσοψι,
Ursprünglicher, Unermüdlicher, Licht, das die Lebenden erblicken,
δεξιὲ μὲν γενέτωρ ἠοῦς, εὐώνυμε νυκτός,
zur Rechten Erschaffer der Morgenröte, zur Linken der Nacht,
κρᾶσιν ἔχων ὡρῶν, τετραβάμοσι ποσσὶ χορεύων,
Mischung der Jahreszeiten, vierfüßig getanzt,
εὔδρομε, ῥοιζήτωρ, πυρόεις, φαιδρωπέ, διφρευτά,
schneller Läufer, Brausender, Feuriger, mit heiterem Blick den Wagen lenkend,
ῥόμβου ἀπειρεσίου δινεύμασιν οἶμον ἐλαύνων,
du fährst deine Runde unermüdlich, folgst deinem Weg rundherum,
εὐσεβέσιν καθοδηγὲ καλῶν, ζαμενὴς ἀσεβοῦσιν,
du weist den Frommen den Weg zum Guten, aber zürnst den Gottlosen,
χρυσολύρη, κόσμου τὸν ἐναρμόνιον δρόμον ἕλκων,
goldene Leier, du lenkst den Lauf der Welt,
ἔργων σημάντωρ ἀγαθῶν, ὡροτρόφε κοῦρε,
du belohnst die gute Tat, Jüngling, der die Horen nährt,
κοσμοκράτωρ, συρικτά, πυρίδρομε, κυκλοέλικτε,
Herr der Welt, Flötenspieler, Feuerläufer auf der Kreisbahn,
φωσφόρε, αἰολόμικτε, φερέσβιε, κάρπιμε, Παιάν,
Feuerträger, Vielgestaltiger, Träger des Lebens, Fruchtbringer, Paian,
ἀιθαλής, ἀμίαντε, χρόνου πάτερ, ἀθάνατε Ζεῦ,
Flammender, Unbefleckter, Vater der Zeit, unsterblicher Zeus,
εὔδιε, πασιφαής, κόσμου τὸ περίδρομον ὄμμα,
Heiterer, Weit leuchtender, allumfassendes Auge der Welt,
σβεννύμενε λάμπων τε καλαῖς ἀκτῖσι φαειναῖς,
mal löscht du die Lampe, mal entzündest du deine schönen Strahlen,
δεῖκτα δικαιοσύνης, φιλονάματε, δέσποτα κόσμου,
du zeigst uns die Gerechtigkeit, Freund der Quellen, Herr des Kosmos,
πιστοφύλαξ, αἰεὶ πανυπέρτατε, πᾶσιν ἀρωγέ,
Hüter der Redlichkeit, ewig alles Überragender, allen hilfreich,
ὄμμα δικαιοσύνης, ζωῆς φῶς. ὦ ἐλάσιππε,
Auge der Gerechtigkeit, Licht des Lebens. O Wagen,
μάστιγι λιγυρῇ τετράορον ἅρμα διώκων,
der mit laut knallender Peitsche das Viergespann antreibt,
κλῦθι λόγων, ἡδὺν δὲ βίον μύστῃσι πρόφαινε.
erhöre die Worte, und eröffne uns ein angenehmes Leben.
Homerische Hymne Nr.31: Εἲς Ἥλιον
Ἥλιον ὑμνεῖν αὖτε Διὸς τέκος ἄρχεο Μοῦσα,
Beginne Helios zu preisen, den Sohn des Zeus, o Muse
Καλλιόπη, φαέθοντα, τὸν Εὐρυφάεσσα βοῶπις
Kalliope, den Strahlenden, den Euryphaessa, die Kuhäugige,
γείνατο Γαίης παιδὶ καὶ Οὐρανοῦ ἀστερόεντος:
dem Sohn der Gaia und dem sterntragenden Ouranos gebar:
γῆμε γὰρ Εὐρυφάεσσαν ἀγακλειτὴν Ὑπερίων,
denn Hyperion heiratete die prächtige Euryphaessa,
αὐτοκασιγνήτην, ἥ οἱ τέκε κάλλιμα τέκνα,
seine eigene Schwester, sie gebar ihm wunderschöne Kinder,
Ἠῶ τε ῥοδόπηχυν ἐυπλόκαμόν τε Σελήνην
Eos mit rosigen Armen, die schöngelockte Selene,
Ἠέλιόν τ' ἀκάμαντ', ἐπιείκελον ἀθανάτοισιν,
der unermüdliche Helios aber, den Unsterblichen ähnlich,
ὃς φαίνει θνητοῖσι καὶ ἀθανάτοισι θεοῖσιν
bringt bei den Sterblichen und den unsterblichen Göttern alles ans Licht
ἵπποις ἐμβεβαώς: σμερδνὸν δ' ὅ γε δέρκεται ὄσσοις
nachdem er auf seinen Wagen gestiegen ist: schrecklich blicken seine Augen
χρυσέης ἐκ κόρυθος: λαμπραὶ δ' ἀκτῖνες ἀπ' αὐτοῦ
aus dem goldenen Helm: helle Strahlen
αἰγλῆεν στίλβουσι παρὰ κροτάφων δέ τ' ἔθειραι
glänzen rundherum von den Schläfen und dem Haar,
λαμπραὶ ἀπὸ κρατὸς χαρίεν κατέχουσι πρόσωπον
strahlen vom lieblichen Haupt, umgeben das Gesicht,
τηλαυγές: καλὸν δὲ περὶ χροὶ̈ λάμπεται ἔσθος
das weithin Leuchtende: auf seinem Körper leuchten schöne Kleider,
λεπτουργές, πνοιῇ ἀνέμων: ὕπο δ' ἄρσενες ἵπποι.
fein gearbeitet, vom Wind umweht: darunter kräftige Hengste.
εύτ ἂν ὅ γε στήσας χρυσόζυγον ἅρμα καὶ ἵππους,
er stellt den Wagen mit goldenem Joch und die Pferde zusammen,
θεσπέσιος πέμπῃσι δι' οὐρανοῦ Ὠκεανόνδε.
und lenkt sie mit göttlichem Geschick vom Himmel über das Meer.
χαῖρε, ἄναξ, πρόφρων δὲ βίον θυμήρε' ὄπαζε.
Sei gegrüßt, Herr, freudig verleihe meinem Leben Zufriedenheit.
ἐκ σέο δ' ἀρξάμενος κλῄσω μερόπων γένος ἀνδρῶν
Durch dich, den Beginn, rühmen die sterblichen Menschen dein Geschlecht,
ἡμιθέων, ὧν ἔργα θεαὶ θνητοῖσιν ἔδειξαν.
des Halbgottes, der die Taten der Götter und Sterblichen aufzeigt.
Macrob. Sat. I.23.
Ἥλιε παντοκράτορ,
Helios, Allerschaffer,
κόσμου πνεῦμα,
Atem des Kosmos,
κόσμου δύνααμις,
Kraft des Kosmos,
κόσμου φῶς
Licht des Kosmos.
Zugang zu Helios
Helios ist Sonne.
Doch was verstehen wir darunter? Geht es wirklich nur um den Himmelskörper, der unsere Tage erleuchtet?
Die Versuche der Mythologie, Helios inmitten der Götter einzuordnen, scheinen eher ein hilfloses Unterfangen zu sein: es werden mehrere verschiedene Möglichkeiten seiner Abstammung angegeben, so dass man zum Ergebnis kommt, auch die Alten wussten nicht so recht, wie sie mit dem Phänomen Helios umgehen sollten. Er gehört nicht zu den Zwölf des Olymp, sondern wird als Titan angesehen, kommt also aus der älteren Götterfamilie (aus der ja auch Zeus und Hera stammen), die unter anderem auch die Götter des Himmels (Sonne, Mond, Winde,…) stellen, also jener vom Menschen beobachtbaren Phänomene, die zwar wesentlichen Einfluss auf das menschliche Leben haben, aber diesem irgendwie ferner sind als zB die erdgebundeneren Gottheiten. Nun muss man sich allerdings fragen, wie Zeus, Sohn des Titanen Kronos, eigentlich Wettergott, Blitzeschleuderer, zum Herrn der Götter werden konnte, und nicht Helios, Sohn des Hyperion, die Sonne, die uns Licht und Leben schenkt, so wie in anderen Religionen ja auch der Sonnengott der Höchste ist.
Erst später, unter neuplatonischem Einfluss, wurde die Sonne als Symbol für das Höchste Prinzip gesehen (schon Platon nahm sie als Symbol für das Gute), und aus diesem Gesichtspunkt kann man auch drei Ebenen der Betrachtung fest stellen:
- auf der physischen Ebene den Himmelskörper
- auf der psychischen Ebene das Licht, das uns Leben schenkt, Wärme, Geborgenheit, usw
- auf der metaphysischen Ebene das Symbol für das Höchste Prinzip, die Kraft des Lebens, die alles bewirkt.
Dadurch gewinnt das Fest "Heliou Genethlion" auch eine andere Bedeutung als nur den Gedanken an die astronomische Tatsache, dass die Tage wieder länger werden. Die (Wieder-)Geburt der Sonne bedeutet nicht nur, dass ein neues Jahr beginnt, die kalte Jahreszeit in absehbarer Zeit wieder in den Frühling übergehen wird, wie jedes Jahr, dass die Erde wieder Frucht tragen wird, usw. Sondern vor allem ist die psychologische Bedeutung von Interesse, denn mehr Licht bedeutet auch mehr Frohsinn (es ist ja bekannt, dass bei bedrückter Stimmung Lichttherapie helfen kann). Somit ist Helios primär ein Gott der Freude - "freudig verleihe meinem Leben Zufriedenheit" heisst es in der homerischen Hymne - und der Zufriedenheit, ja der persönlichen Harmonie, was auch seine Gleichsetzung mit Apollon in späterer Zeit zum Ausdruck bringt, der ja der Ausgleich schlechthin ist. Auch das Verteilen von Geschenken zu diesem Anlass drückt aus, dass man Freude macht und selbst Freude erhält, so wie eine innige Beziehung zu Helios, eine Kontemplation seiner Persönlichkeit, in uns die Erkenntnis reifen läßt, dass sein Licht, seine Lebensfreude, sein Friede weiter gegeben werden kann an andere Menschen, dass die Hoffnung, die durch die immer wieder kehrende "Geburt der Sonne" ausgedrückt wird, auch für uns Hoffnung sein kann und dass, da die Sonne für alle leuchtet, aus Sicht der kosmischen Ordnung kein Unterschied zwischen den Menschen besteht. Wir können viel von Helios lernen, wenn wir es nur zulassen.

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