Die griechische Vorstellung von der Seele

von Ewald "Akesios" Strohmar, Mai 2006

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Die Seele (griech. ψυχή), ist anscheinend ein sehr wichtiges "Ding", auch für "areligiöse" Menschen, was man schon daran merkt, dass die Psychiatrie ein immer wichtigerer Zweig der Medizin wird und auch die Psychologie in allen Bereichen des menschlichen Lebens zu finden ist, etwa als "Verkehrspsychologie".
Wir betrachten heute die Seele gern aus dem psychologischen Blickwinkel, als Individualität, Kreativität, usw., oder auch ggf. aus der eschatologischen Sicht, wenn es um die "letzten Dinge" geht. Doch das war durchaus nicht immer so und ist eine eher "moderne" Sichtweise. Die prähistorischen und antiken Völker haben die Seele ganz bestimmt anders gesehen als wir. Ich möchte in diesem Artikel natürlich besonders auf die Sichtweise der "klassischen" Griechen eingehen.

Die alten Völker (erforscht wurden v.a. nordeurasische Stämme) haben oftmals eine Auffassung der Seele, die jener der Schamanen ähnlich ist: es gibt eine Seele als "Double" des Menschen, die in Träumen und Trancezuständen aktiv wird und "reist" (vgl. z.B. Pindar frg. 131b "a living image of life … this alone has come from the gods"). Dieser "freien Seele" fehlt der psychologische Kontext, es geht rein um die Repräsentation des Menschen.
Auch bei Homer fehlt die psychologische Sicht der Seele gänzlich. Wenn er von Träumen spricht, sind diese nicht fantastisch oder irreal, wie die Träume, an die wir selbst uns erinnern können, sondern es handelt sich bei ihm um ein literarisches Mittel, um einem Menschen eine Botschaft zu übermitteln, die für die weitere Handlung wesentlich ist (vgl. auch die Berichte von Inkubationsträumen, z.B. im Zusammenhang mit Asklepios). Das bedeutet aber nicht, dass zu Homers Zeit nicht mehr an Seelenreisen geglaubt wurde. Schliesslich hatten die Griechen durch ihre zahlreichen Handelskontakte durchaus auch Berührung mit skythischen Schamanen an der Schwarzmeerküste (z.B. bei Herodot, Apollonius, Plinius). Und Hippokrates erklärt: "all functions of body and soul are performed by the soul during sleep" Der schwedische Wissenschaftler Arbman hat die Seelenvorstellungen alter europäischer Völker verglichen und eine Weiterentwicklung der Vorstellungen festgestellt. Die ursprüngliche Vorstellung ist die der "freien Seele", eben jener Seele, die in Traum und Trance reist. Die freie Seele existiert nur in Verbindung mit dem Körper. Stirbt dieser, stirbt auch die freie Seele. Diese Seele ist die ψυχή der Griechen, die bei Homer im Todesfall den Körper durch den Mund oder durch die tödliche Wunde verläßt und in den Hades eingeht. Aber Homer ist vorsichtig mit weiteren Spekulationen in diesem Zusammenhang.

Eine eher bodenständige Vorstellung ist die einer (zusätzlichen!) "Körperseele", das ist jene Seele, die im Todesfall aus dem Körper entweicht. Diese kann weiter in die beiden Unterarten "Lebensseele" (Atemseele) und "Ego-Seele" unterschieden werden. Mit der Ego-Seele kommen die psychologischen Komponenten hinzu, denn hier geht es bereits um Individualität. Die Funktion der Körperseele ist nicht mehr auf Trancebewusstsein beschränkt, sondern ist auch im wachen Zustand aktiv.

Die Griechen unterscheiden hier thymos, noos und menos. Thymos kommt bei Homer oft vor, wenn in seinen Helden die "Lebenskraft", der Wille, in der Brust (dem Sitz des thymos) erwacht. Noos (homerische Form: nous) ist der Sinn, die Besinnung, der Verstand, und menos ein heftiger Impuls zur Handlung, bis hin zur Berserkerwut (homerisch lyssa, Wolfswut). Alle diese "Seelen" werden dem Helden von einer Gottheit verliehen, stammen nicht aus ihm selbst, aus seiner "psychologischen Seele".

Die Individualität des Menschen, bei uns versinnbildlicht durch die Seele, wird bei alten Völkern – auch bei den Griechen, die wir ja als Kulturvolk betrachten! - so wenig bis gar nicht beachtet, weil sich der Mensch immer als Teil der Gruppe versteht. Ich denke, das ist der wesentliche Unterschied zu unserer heutigen Auffassung. Der Wandel der Seelenvorstellung in Richtung der modernen Sicht geschah nicht vor dem 5.Jh. v.Z., als die ψυχή langsam immer mehr als Individualseele gesehen wurde, zeitgleich mit allgemein zunehmendem politischem Bewusstsein und Bildung.
Wenn auch in literarischen Bildern Trance und Tod oft gleichgesetzt wurden, ist doch der "echte" Tod eines Menschen sicher jene Gelegenheit, bei der wir uns noch am ehesten Gedanken über "das Ding Seele" machen. Besonderes Interesse an dem Zusammenhang zwischen Seele und Tod, und den eschatologischen Fragen, die sich daraus ergeben, finden wir bei dionysischen und orphischen Gruppen.

Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Seele des Lebenden auch jene Seele ist, die nach dem Tod weiter lebt. Nun sind allerdings streng wissenschaftliche Forschungen zu diesem Thema eher schwierig (und ich will ja auch das Zeugnis klassischer Texte und nicht Ergebnisse moderner Sterbeforschung wiedergeben). Auch wird diese westliche Vorstellung nicht von allen Völkern geteilt, bei manchen soll z.B. die Seele in Tiergestalt weiter leben. Aber darüber, und auch über die relativ späte Idee der Seelenwanderung will ich hier auch nicht berichten.

Es ist oft der Versuch gemacht worden, über die Erforschung der Begräbnisriten auf die Seelenkonzeption des jeweiligen Volkes zu schließen. Das Problem dabei ist, dass viele rituelle Handlungen durchgeführt werden, obwohl die Vorstellung, die ursprünglich dahinter gestanden hat, verloren gegangen ist. Die grundsätzliche Funktion von Begräbnisriten scheint aber allgemein jene zu sein, den Toten von dieser in die andere Welt zu geleiten (wie immer diese andere Welt auch gedacht sein mag).
In der griechischen Sicht ist es die freie Seele, psyche, die diese Reise antritt. Im Moment des Todes verlässt sie den Körper und nimmt eine neue Existenzform an, die meist als schattenhaftes eidolon, Abbild, beschrieben wird, sie sieht also so aus wie der Verstorbene. Nähere Beschreibungen widersprechen einander allerdings: nach manchen Quellen bewegt sich das eidolon und spricht, nach anderen huscht es herum und kreischt. Homer lässt seine Charaktere die Schatten aber mit dem Namen ansprechen, den sie im Leben hatten, "Schatten" ist also keine übliche Anrede, eidolon ebenfalls nicht, höchstens im inne von "Trugbild". Außer mit dem Namen werden die Toten am Ehesten nekros, "Leichnam" oder psyche genannt.

Odyssee xi 217ff: "Hat erst der Wille zum Leben (thymos) die weißen Gebeine verlassen, dann aber fliegt die Seele (psyche) auch flatternd davon wie ein Traumbild."

Die Orphiker lehrten später, dass ein (stofflich gedachter) Seelengeist nach dem Tod in einen neuen Körper im Diesseits oder Jenseits eintritt. Es gab also einen Bedeutungswandel der Begriffe Leiche, Leib und Seele: Soma wurde ursprünglich nur für Leichnam und Tieraas verwendet (Körper = demas), später auch für die Person (in den Tragödien), den lebenden Körper.

Aus dem Heroenglauben stammen Vorstellungen von Seelenschlange, Seelenvogel und verklärtem Geist auf der Insel der Seligen.

Im klassischen, homerischen Griechenland hielt man sich mit fantastischen Spekulationen über die Seele also eher zurück, wohingegen die späteren Mysterienkulte sich primär mit dieser Materie beschäftigten, dem Seelenkult einen hohen Stellenwert einräumten und somit den Nährboden für die Ausbreitung des Christentums bildeten.

Verwendete Quellen:

Bremmer, Jan N.: The Early Greek Concept of the Soul, Princeton 1983 (englische Zitate stammen aus diesem Buch) Bickel, Ernst: Homerischer Seelenglaube, Berlin 1925 Dodds, E.R.: The Greeks and the Irrational, Berkeley 1968