Kurz zu mir: Ich bin 26 Jahre alt, Deutsche und wohne wegen meiner Ausbildung seit einem dreiviertel Jahr in Wien, wo ich auch vorhabe, länger zu bleiben.
Also, gleich vorneweg: Ich bin eigentlich kein wirklicher, strikter Hellenist. Ich würde ich als "paganen Pantheisten" bezeichnen, meinen Glauben als eine Mischung aus "Colors of the wind" und Schillers "Die Götter Griechenlands". Was ich damit meine, versuche ich noch genauer zu erklären.
Meine religiöse Sinnsuche hat sich schon recht lange hingezogen. Ich suchte immer nach etwas, wo ich mich wirklich "zugehörig" fühlte, einen Glauben, bei dem ich mir dachte: DAS IST ES! Von Zeit zu Zeit kriege ich dann meine religiösen Krisen und betreibe wieder verstärkt Sinnsuche, versuche, etwas zu finden, wo ich mir DAS IST ES denken kann. Ich kann nur leider nicht so genau sagen, WAS ich eignetlich glaube, ich habe Grundvorstellungen, bin aber bei vielem sehr unsicher, was davon "das Richtige" sein könnte. Was ich über meinen Glauben weiß, ist: Er ist sehr Naturbasiert!
Ich bin moderat-katholisch erzogen worden, allerdings immer mit einer starken Naturverbundenheit. Für meine Mutter und Großmutter war die Natur das, wo man Gott eher antreffen kann, als in einer Kirche. Eine enge Bindung an die Natur liegt also in der Familie
Ich habeschon früh in der Jugend begonnen, mir Gedanken über meinen Glauben zu machen, habe mich mit allem möglichen befasst - Judentum, Altkatholiken etc. Aber eigentlich war mir klar: Das ist nichts für mich! Nicht der monotheistisch-patriarchalische Gott, nicht die Vorstellung eines Messias, der für mich am Kreuz gestorben sein soll. Ich glaube das einfach nicht.
Mit 15 Jahren habe ich mich dann intensiver mit China und Buddhismus befasst. Ich war sehr fasziniert von der Vorstellung einer Lebensenergie, die in allem existiert, was IST. Diese Vorstellung traf sehr gut meine Gefühle, meine Naturverbundenheit und meine Bewunderung und Verehrung der Natur - und im Laufe der Zeit wandelte sie sich zu einer pantheistischen Vorstellung: Ich glaube, dass das Göttliche (ich nenne es mal undefiniert "das Göttliche") in allem steckt und existiert, in Energien, in Naturerscheinungen (v.a. in diesen: Wind, Wolken, Sonne, Regen, Gewitter)... Alle Götter wären demnach auf gewisse Weise Symbole oder Personifikationen von gewissen Ideen, Energien, Naturerscheinungen. HINTER diesen oder IN diesen steckt auf jeden Fall, etwas Göttliches, ob in personifizierter Form oder in Form einer göttlichen Energie, das weiß ich nicht - und das ist sozusagen der Knackpunkt für meine religiöse zuordnung: Bin ich Pantheist, Animist, Polytheist? Auf jedenfall glaube ich nicht, dass wir Menschen davon ausgenommen sind - wir stehen eben NICHT über der Natur und allem, was damit zu tun hat. Das war auch ein Punkt, der mich am Christentum immer sehr gestört hat! Ich sehe den Menschen als Teil der Natur, der darin aufgeht und damit untrennbar verwoben ist. Ich hatte nie so intensive Erfahrungen des Göttlichen, wie in der Natur, in einem Wald, bei Gewitter oder Sturm (gerade letzteres hatte es mir immer sehr angetan). Ich habe mich immer gefragt, wo man sonst das Göttliche suchen soll, wenn nicht DARIN???? Da wären wir auch bei "Die Götter Griechenlands" von Schiller. Ihr kennt das Gedicht ja sicher. Schiller beklagt darin "die entgötterte Natur" des Christentums mit dem einen, über allem stehenden Gott (Natur ist nurmehr seine Schöpfung, nicht mal mehr seine Verkörperung) und auch die "entgötterte Natur" des aufgeklärt-naturwissenschaftlichen Zeitalters, während man früher im Mond Selene, in der Sonne Helios und Apollon, in den Bäumen die Nymphen etc. finden konnte. Dieses Gefühl kenne ich gut - mir ist die Vorstellung einer "entgötterten Natur" fremd, einer Natur, die nur die Schöpfung Gottes ist - oder mit Spinoza gesagt: Einer Natur, die nur natura naturata (geschaffene Natur) und nicht mehr natura naturans (schaffende Natur) ist. ICH glaube an eine natura naturans, die göttlich beseelt, durchweht, durchwebt ist.
soweit klingt das eigentlich nach einem sehr gefestigten religiösen "Konstrukt"... nach Pantheismus nach Spinoza, dem ich SEHR nahe stehe. Nur gibt es EINE Sache, die in dieses "System" nicht ganz reinpasst, nämlich Hermes.
Aus irgendeinem Grund fühle ich seit vielen vielen Jahren eine enge Bindung an diesen Gott. Immer schon... Ich habe ihm kleine Hermen am Wegrand gebaut, bevor ich mir überhaupt eingestehen konnte, dass meine Bindung an Hermes mehr als ein intellektuelles Interesse, nämlich ein religiöser Glaube ist. Wie passt er in dieses System meines Glaubens?
Ich bin vor ein paar Monaten auf die Facebookgruppe "hellenic polytheistic community" gestoßen - und es tat gut, dass Menschen meine Bindung an Hermes nicht als freaky abtaten, sondern ernst nahmen! Aber: Was ist eigentlich mit den anderen Göttern? Um ein Hellenist zu sein, müsste ich an sie doch genauso glauben, wie an Hermes?! Ich habe zwar seither versucht, meine Beziehung zu ihnen zu kultivieren, aber es fällt mir sehr schwer. Nur zu Artemis fühle ich auch eine - wenn auch weit schwächere - Bindung. Aber irgendwie "stört" mich dennoch die Vorstellung von Gottheiten, die ÜBER der natura naturans stehen. (in den orphischen Hymnen ist meine liebste noch immer die an die Natur). Dazu kommt, dass ich z.B. ein Problem habe, mir Zeus oder andere Götter, als reale Gestalten vorzustellen (obwohl ich immer starke Empfindungen des Göttlichen bei Gewittern habe!!), also nicht "nur" als Personifikationen für Energien, Ideen, Kräfte, Naturerscheinungen... bei Hermes habe ich diese Probleme nicht im Geringsten. Ich habe schon so oft Stoßgebete an ihn geschickt. Wenn ich zu den anderen Göttern betete in den letzten Wochen, dann eher zu dem, was sie verkörpern. Das entspricht ziemlich dem, was pagane Pantheisten glauben: Dass Götter eben Personifikationen für Naturerscheinungen sind, nicht wirklich in persona existieren. Aber... schlicht und ergreifend: Ich weiß es nicht, ich weiß nicht mal, ob ich es glaube oder nicht, dass Götter existieren. Ich kann es nicht einfach ausschließen! Einerseits - ja, ich glaube, dass es sie gibt! Die griechischen götter sind eindeutig die, die mir am nächsten stehen. Andererseits glaube ich, dass jede Religion eine Interpretation der Welt ist, eben jener Energien, Ideen, Naturerscheinungen, sozusagen dessen, was "wirklich ist", was "die Welt im innersten zusammenhält", was wir als Menschen aber nie wirklich wissen können, eben nur interpretieren. Von daher glaube ich nicht, dass IRGENDEINE Religion die Wahrheit VÖLLIG trifft - sie kann ihr nur mehr oder weniger nahe kommen. Die hellenistische kommt ihr, wie ICH glaube, näher als die meisten anderen Religionen. Dennoch sind auch sie der Versuch einer Interpretation - so sehe ich das.
Was ich mich in all diesen Überlegungen fragte, war: Sind Götter weniger realg, wenn sie Personifikationen sind? Denn: Das was sie verkörpern existiert ja tatsächlich, es ist real! Dahinter und/oder darin steckt etwas Göttliches. Wenn ich also sage, dass hinter den Ideen und Energien, den Gegenständen und Erscheinungen dieser oder jene Gott steht, - ist es dann nicht eigentlich auch so, dass ich sage, sie repräsentieren diesen Gott (also Blitz z.B. Zeus)? Wenn ich es so sage: Ist ein Gott dann weniger real, weil er als Personifizierung für etwas steht, was ja nun mal real ist, was man sehen und erleben kann?
Nach all meinen Gedankenexperimenten war ich wieder da, wo ich immer war: Ich bin ein paganer Pantheist, nah an Spinozas Vorstellungen. Ich glaube an etwas Göttliches, das in allem wirkt und existiert und ich fühle die besondere Verbindung zu Hermes, womit auch die anderen Gottheiten Griechenlands nicht nur Sagengestalten sind, sondern für mcih glaubhafte und nachvollziehbare Interpretationen von der "einen Wahrheit", Personifikationen oder/und Urheber dieser göttlichen Kraft hinter und in allem.
Also doch ein "normaler" paganer Pantheist, der Gottheiten als Personifikationen von Ideen ... sieht - womit diese Gottheiten für mich aber nicht weniger real werden. Nicht umsonst fühle ich mich mit Hermes (und Artemis) zu Gotter hingezogen, die Ideen verkörpern, denen ich nahe stehe.
So, eigentlich klingt das jetzt, als wüsste ich ganz genau, was ich glaube und denke. Aber ehrlichgesagt: Ich weiß es nicht - zu viele Dinge, die ich selbst nicht auf einen Nenner kriege. Und hin und wieder stürzt mich das in kleinere oder größere religiöse Krisen, dass ich selbst nicht weiß, was ich wirklich glaube.
Entschuldigt meine lange, philosophische Vorstellung... aber ich hatte das Bedürfnis, mich endlich mal auf meiner Muttersprache darüber auszutauschen und würde mich sehr dafür interessieren, wie ihr das seht.
Liebe Grüße,
Ilma




